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Vom Überirdischen bis ins Nichts

Kunst & Kultur

Franz Welser-Möst durchschritt mit den Wiener Philharmonikern die Höhen und Tiefen menschlichen Daseins. An seiner Seite: Asmik Grigorian (Sopran) und Matthias Goerne (Bariton).

04.08.2019
- Elisabeth Leitner
Wiener Philharmoniker mit Franz Welser-Möst
Wiener Philharmoniker mit Franz Welser-Möst
© Marco Borrelli, ph marco borrelli

Es war kein Sommerprogramm und der Gusto auf die geplante Schnitzeltour könnte so manchem Konzertgast vergangen sein. Und das war gut so. Denn das Programm, das Franz Welser-Möst gemeinsam mit der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian entwickelt hatte, zwang zum Tiefgang in menschliche Abgründe, Sehnsüchte, Hoffnungen. Musik von Wagner, Strauss und Schostakowitsch unter dem Motto „Mitleid, Tod und Verklärung“ stand auf dem Programm und wurde von allen Beteiligten auf der Bühne auf höchstem Niveau interpretiert.

 

Parsifal

Eröffnet wurde mit Wagner und seinem Vorspiel zum Bühnenweihfestspiel „Parsifal“. Nur kurz brauchte das Ensemble, um sich mit voller Hingabe und Kraft der musikalischen Erzählung zu widmen. Zu Beginn von Wagners „Parsifal“ erlegt der Titelheld mit seinem Pfeil einen Schwan, wobei der Anblick des herabgestürzten Tieres in ihm ein erstes „Mitleiden“ auslöst. Er begreift, dass „die Tötung des Lebendigen“ Sünde ist und zerbricht seinen Bogen. Welser-Möst ließ die Musik fließen und damit das Publikum eintauchen in Wagners Komposition. Das Mitleiden war hörbar. Die Aufmerksamkeit im Publikum steigerte sich beim fast nahtlos anschließenden Werk von Richard Strauss bis zum Äußersten: Strauss´ „Tod und Verklärung. Tondichtung für großes Orchester op.24“. Zuweilen blieb einem beim Zuhören die Luft weg, ob der sphärischen, überirdischen Klangwelten, die Welser-Möst mit bestimmtem, akzentuiertem Dirigat ermöglichte, ohne jemals die großen Spannungsbögen zu verlieren. Die Philharmoniker konnten aus dem Vollen schöpfen, immer wieder beeindruckend die dichte und unverwechselbare Klangsprache des österreichischen Weltklasse-Orchesters, die hier voll zur Geltung kam. Nach Verklingen des letzten Taktes ließ Dirigent Welser-Möst noch fast eine Minute die Hände in Dirigierhaltung oben – die Stille bildete den eigentlichen Schlussakkord dieses Werks. Für diese Minute waren viele im Publikum dankbar. Die Größe des Werks konnte so noch mehr wirken.

 

Schostakowitschs Symphonie Nr. 14

Vom Himmel in die Tiefen des Menschseins wurde das Publikum nach der Pause von Dimitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 14, op. 135 gestoßen. Rhythmisch und technisch eine Herausforderung – es zählt zu den schwierigsten Werken – stellten sich die Philharmoniker dem von Asmik Grigorian und Franz Welser-Möst ausgewähltem Opus. Vom Tod durch Menschenhand, von Mord, Unterdrückung und Krieg handeln die Vertonungen von Gedichten, in denen es kein Entrinnen vor dem Tod, keinen Trost und keine Hoffnung gibt. Am Ende bleibt das Nichts. Kein Ausblick auf Himmel, nur Tod und Vernichtung. Wieder einmal beeindruckte Asmik Grigorian mit ihrer wandelbaren Stimme, klar, kräftig, zart. Matthias Goerne (Bariton) tat es ihr gleich. Gemeinsam hielten sie das Publikum der Salzburger Festspiele in Bann. Schade nur, dass sich der Inhalt der vertonten Gedichte nur schwer erschloß, ein Mitlesen im Programmheft bei Dämmerlicht nur bedingt möglich war.

 

Heftiger Applaus und Bravorufe

Den Programmmachern kann man zur Werkauswahl dennoch nur gratulieren. Die Musikwelt hat mehr als leichte Sommerkost zu bieten. Das Konzert endete mit heftigem Applaus und vielen Bravorufen für die Solisten und Franz Welser-Möst. Beim Verlassen des Festspielhauses schien auch der Himmel die Stimmung des Konzerts eingefangen zu haben: heftiger Wolkenbruch und dunkle Gewitterwolken empfingen das Publikum. Passend zum düster endenden Programm. Großartig!

 

Zur Sopranistin Asmik Grigorian

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian studierte an der Litauischen Musik- und Theaterakademie in ihrer Heimatstadt Vilnius, wo sie noch während ihrer Ausbildung ihre Opernkarriere begann. Im Sommer 2018 gab sie bei den Salzburger Festspielen ihr sensationelles Rollendebüt als Strauss’ Salome in einer Neuproduktion von Romeo Castellucci unter Franz Welser-Möst, für das sie 2019 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis als „Beste weibliche Hauptrolle“ ausgezeichnet wurde. In der Folge gab sie in der Spielzeit 2018/19 ihr Debüt an der Mailänder Scala als Marietta („Die tote Stadt“) in einer Neuproduktion von Graham Vick unter Alan Gilbert sowie ihr Rollendebüt als Tschaikowskis Iolanta an der Oper Frankfurt.

 

Tipp: Das Konzert ist am 5. August 2019 um 21 Uhr nochmals im Festspielhaus zu hören. Am 20. August wird es im Programm Ö1, ORF, um 19.30 Uhr gesendet.

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker zwangen mit dem musikalischen Programm zum Tiefgang in menschliche Abgründe.
Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker zwangen mit dem musikalischen Programm zum Tiefgang in menschliche Abgründe.
© Marco Borrelli, ph marco borrelli
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