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Spiritualität

Singen als Gebets- und Glaubensschule

Kunst & Kultur

Als Kirchenmusikerin und Theologin bringt Sabine Müller spirituelle, liturgische und theologische Elemente mit Musik zusammen zum Schwingen.

Ausgabe: 32/2022
09.08.2022
- Susanne Huber
Sabine Müller in Aktion mit ihrem Ensemble  „Scola LitHora“ in der Jesuitenkirche Mannheim
Sabine Müller in Aktion mit ihrem Ensemble „Scola LitHora“ in der Jesuitenkirche Mannheim
© © Bilderhaus Gabi Mirgeler

Die leidenschaftliche Chorleiterin nimmt uns mit in ihre spannende Arbeitswelt und erzählt, wie sie Räume zum Klingen bringt. 

 

Wie kam es dazu, dass die Kirchenmusik Sie so in den Bann gezogen hat?  Sabine Müller: Ursprünglich wollte ich Klavier lernen, doch dann ist der Orgeldienst bei uns im kleinen Dorf Rötenbach im Schwarzwald in der Erzdiözese Freiburg im Breisgau frei geworden und es war sozusagen aus der Not geboren, dass ich schon mit 12 Jahren als Organistin eingestiegen bin. Dazu kommt, dass mein Elternhaus direkt neben der Kirche liegt und ich somit nahezu täglich im Gottesdienst gespielt habe. Das war eine frühe Weichenstellung. Und da es bei uns im Ort keinen Kinder- und Jugendchor gab, kam die Idee, doch einen zu gründen. Das habe ich mit 14 Jahren dann gemacht. Später wollte ich Musik studieren, habe zunächst den Schwerpunkt auf Klavier gelegt, aber dieser frühe Beginn an der Orgel war schließlich ausschlaggebend, dass sich mein Fokus konzentriert auf die Kirchenmusik legte. So hat sich eines aus dem anderen ergeben und entwickelt, ohne es groß zu planen. 

 

Ist durch die Musik Ihr Glaube gewachsen?  
Müller: Durch die Orgel- und Chortätigkeit war ich natürlich viel in der Kirche, oft allein, da ich häufig nachts geübt habe. Da wuchs im Zusammenhang mit meinem musikalischen Tun eine Beziehung heran, die ich zunächst gar nicht reflektierte, die eher auf dem emotionalen, seelischen Feld sich ausbreitete und vertiefte und irgendwann einmal so fest und beständig da war, dass es sich gar nicht anders denken lässt.  
Sie sind nicht nur Kirchenmusikerin und Organistin, sondern auch Theologin.

 

Was macht für Sie die Verbindung von Musik mit dem Glauben, mit der Spiritualität, mit der Liturgie aus? 
Müller: Wenn ich Projekte angehe, dann ist es für mich niemals nur eine musikalische Sache als Kirchenmusikerin, sondern es schwingen Theologie, Spiritualität, Liturgie und Musik zusammen. Das ist eine Einheit. Das kann ich nicht voneinander trennen. In der theologischen Vermittlung ist es bei mir genauso. Der Schwerpunkt meines Tuns als Chorleiterin und Theologin liegt darin, im Erarbeiten der Texte in Verbindung mit der Musik zu versuchen, die Beziehung zu sich selber und zu Gott einzuüben und zu vertiefen. Körper, Geist und Seele sind mit hineingenommen in ein großes Beziehungsgeschehen.

 

Das bedeutet, bei Ihnen läuft eine Chorprobe etwas anders ab und es geht um mehr als nur darum, Töne einzustudieren und dann zu singen ...   
Müller: Die Proben selber sind für mich die Zeit, in der ich die Leute einlade, in die oftmals biblischen und religiösen Worte, Sätze und Gedanken hineinzuschlüpfen – um von innen her von ihnen durchdrungen zu werden und dann aus einer ganz eigenen Beziehungshaltung die Melodien auszusingen, so dass die Seele in Schwingung kommt und sie die Möglichkeit hat, in neue Räume reinzugehen. Im Grunde ist das Singen für mich eine Gebets- und Glaubensschule. Da wird der Mensch lebendig, er öffnet sich, der Glaube und die Spiritualität werden greifbar, spürbar und verstehbar. Viele Chorsängerinnen und -sänger melden zurück, dass sie darin eine Vertiefung erleben und eine Verlebendigung dessen, was wir mit Glaube meinen.

 

Musik – eine besondere Kraftquelle?  
Müller: Absolut. Wenn es gelingt, mit Gesang einen Raum zu füllen und zu spüren, was das nicht nur mit dem Raum, sondern mit mir selber macht, ist das wunderbar. Es ist immer ein Geben und Nehmen, auch vom Raum her. Da spürt man, wie Herz und Seele aufgehen, wie alles in Schwingung kommt und zwar nicht nur bei den Sängern, sondern auch bei den Hörenden. Wenn ich mit meinem Ensemble unterwegs bin oder wenn ich mich selber in Kirchen aufhalte, dann singe ich und in dem Moment spüre ich eine Veränderung. Es geschieht etwas. Die Stimme geht in den Raum und ich merke, wie die Leute automatisch still werden, wie sie zu hören beginnen, wie sie den Raum anders wahrzunehmen beginnen. Das ist großartig.    

 

In welchen Chören und Ensembles sind Sie tätig? 
Müller: Ich habe ein kleines Ensemble in Rötenbach und dieser Ort ist tatsächlich gesegnet mit guten Stimmen. Das sind Leute, die ad hoc Psalmen in einer leichten Mehrstimmigkeit singen. Das findet man so nicht überall. Wir experimentieren viel beim Einüben alter und neuer Chorliteratur. In Mannheim leite ich ein Vocalensemble, die „Scola LitHora“, mit dem ich öfter auch an anderen Orten singe – im Dom zu Speyer oder in Rom. Und ich leite einen Kirchenchor mit Menschen im Durchschnittsalter über 80. Ein Mitglied ist demenzkrank, eine Sängerin ist geistig behindert. Alle sind sie dabei und das ist einfach schön.   

 

Erst vergangene Woche haben Sie einen Chor-Workshop bei den Salzburger Hochschulwochen geleitet. Thema war „Wie geht es weiter. Zur Zukunft der Wissensgesellschaft.“ Haben Sie das auch in Ihrem Workshop aufgegriffen?  
Müller: Ja, ich mache das schon ein paar Jahre. Die Salzburger Hochschulwochen sind schon eine besondere Herausforderung, weil es eine sehr hochkarätige Veranstaltung ist mit herausragender akademischer Arbeit, aber auch in einer sehr gelungenen Kombination von Wissenschaft, Kultur und Spiritualität und die in dieser Interdisziplinarität noch einmal erstaunlich zusammenwirkt, entsprechend auch des Themas „Wie geht es weiter?“, das ich im Chor-Workshop natürlich aufgegriffen habe. Ich glaube, diese Frage stelle ich anders, angstfreier, wenn ich Gott im Blick und im Herzen habe. Und das auszudrücken, darum ging es dann auch in der Musik – Gott ins Visier zu nehmen, die eigene Beziehung zu Gott auszusingen und zu gestalten. 

 

Wie ist dieser Workshop abgelaufen? 
Müller: Ich habe Chorproben gehalten, wie eben schon beschrieben, wo wir z. B. einfache Vokalisen gesungen und dabei sakrale Räume durchschritten haben – etwa im Sacellum, in der Stiftskirche St. Peter oder im Dom. Ich habe die Leute auch eingeladen, mit einem Kanon singend durch den Raum zu gehen. Mit anderen zusammen ist das eine besondere Erfahrung. Da singt jeder für sich und trotzdem ist es ein Miteinander, eine Gesangswerdung. Natürlich studierten wir ein paar Gesänge ein, die wir dann während der Woche in den Liturgien eingebracht haben. Jeder der wollte, konnte ganz flexibel mitmachen.  

 

Wo werden Sie demnächst Kirchen oder auch andere Räume zum Klingen bringen? 
Müller: Im Herbst sind Projekte mit meinem Ensemble „Scola LitHora“ geplant, wir singen regelmäßig den „Evensong – ein gesungenes Nachtgebet“ in der Jesuitenkirche Mannheim. Nächste Termine sind der 10. Oktober und der 12. Dezember, jeweils um 20:30 Uhr. Ein großes Projekt, das ich in Mannheim schon einmal gemacht habe – „Liturgie als Gebets- und Glaubensschule“ mit liturgischer, spiritueller und theologischer Vermittlung, aber immer auch mittels Gesang und Gebet – das möchte ich in nächster Zeit mit den Ordensschwestern in Gengenbach beginnen. Das wächst gerade alles und ist in Planung. 

 

 

 

Die deutsche Theologin Sabine Müller (58) ist Organistin, Kirchenmusikerin und als Chorleiterin in verschiedenen Ensembles tätig. Darüber hinaus arbeitet sie als Geistliche Mentorin in der Kirchlichen Studienbegleitung an der Theologischen Hochschule in Heidelberg und als Geistliche Assistentin der Franziskanerinnen in Gengenbach. Sabine Müller lebt seit 25 Jahren als „Virgo Consegrata“ („Geweihte Jungfrau“), eine Lebensform, die in der katholischen Kirche weltweit zunehmende Tendenz hat und bis in die Urkirche zurückgeht.

 

 

 

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