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Mutter werden – oder nicht?

Gesellschaft & Soziales

Die Frage „Wollt ihr Kinder und wenn ja, wann?“ kommt oft harmlos daher, dringt jedoch tief ins Persönliche ein und stellt vor allem junge Frauen vor viele weitere Fragen. Wie groß der gesellschaftliche Druck tatsächlich ist, Kinder in die Welt zu setzen, warum die Entscheidung oft hinausgeschoben wird und was es braucht, um sie leichter zu machen.
 

Ausgabe: 03/2021
19.01.2021
- Lisa-Maria Langhofer
Die Frage, ob man ein Kind bekommen möchte oder nicht, ist von vielen Faktoren abhängig.
Die Frage, ob man ein Kind bekommen möchte oder nicht, ist von vielen Faktoren abhängig.
© Alena Ozerova

„Bastelt ihr schon?“, „Wann ist es denn so weit?“, „Ihr seid doch schon ein Jahr lang verheiratet, was ist mit dem Nachwuchs?“ – Spätestens mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig werden Paaren diese Fragen gestellt, meist jedoch gehen sie in Richtung der Frauen. Es mag keine böse Absicht dahinterstecken, doch dringen sie tief ins Persönliche ein und fragen im Grunde danach, wie frau sich ihr zukünftiges Leben vorstellt. Wie groß ist der gesellschaftliche Druck tatsächlich, Kinder in die Welt setzen zu müssen? „Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, halte es aber für eine gefährliche Frage, die man jemandem stellt“, sagt die 30-jährige Nina Seidel (Name von der Redaktion geändert). Nina lebt und arbeitet als Controllerin in Wien und kommt ursprünglich aus dem Innviertel. „Diese Frage hat etwas sehr Intimes, kann in Wunden hineinbohren und es schwingt dabei auch immer mit, wie es bei einem im Bett läuft. Vielleicht probiert man schon ein Jahr und es klappt einfach nicht. Das will man doch nicht vor jedem ausbreiten", sagt Seidel. „Mein Eindruck ist, dass es sich in den letzten Jahren wieder stärker Richtung traditionelle Rollen hinbewegt und der Druck auf Frauen, Kinder zur Welt zu bringen, enorm ist“, sagt Kulturwissenschafterin Karin Harrasser von der Kunstuniversität Linz, die sich unter anderem mit dem Thema Gender und Technologie auseinandersetzt. Frauen, die eine wissenschaftliche oder künstlerische Laufbahn anstreben, begegne die Frage der Familiengründung während oder nach dem Doktorat: „Gerade in dieser wichtigen Zeit muss man sich dezidiert auf die wissenschaftliche Karriere konzentrieren, weil der Bereich enorm konkurrenzbetont ist. Es ist viel Einsatz und Zeit notwendig, um auf eine Professur zu kommen. Ähnlich ist es bei den Künsten: Sobald man die Schule abgeschlossen hat, braucht es seine Zeit, bis man sich etabliert hat.“ Die Frauen scheinen also auch heute noch hin- und hergerissen zu sein zwischen Kind und Karriere. 

 

Mehr Unsicherheit

Im Jahr 2019 waren Frauen in Oberösterreich bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 30,8 Jahre alt. Der Trend geht in Richtung späte Elternschaft, was vielfältige Gründe haben kann: „Ich glaube, es hat damit zu tun, dass es in den 90er- Jahren und den frühen 2000ern eine Gesamtatmosphäre gab, die uns allen vermittelt hat, es gibt soziale Absicherungssysteme und Unterstützung. Ich kann es wagen, auch wenn ich aussteige, der Staat fängt mich auf. Durch die neoliberale Wende in der Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte ist die kollektive Verantwortung zu einer individuellen geworden. Jeder ist für alles selbst verantwortlich, darum gibt es heute viel mehr Unsicherheit“, meint Harrasser. Aktuelle Studien scheinen das zu bestätigen: Unter den häufigsten Gründen für eine verschobene Mutterschaft befindet sich die Angst vor einer unsicheren Zukunft aufgrund von Klima-, Wirtschafts- oder aktuell der Coronakrise. 

 

Vorbild Justizministerin

Nina Seidel ist sich nicht sicher, ob es die Ewartungen der Gesellschaft sind, durch die sich manche junge Frauen unter Druck gesetzt fühlen: „Vielleicht kommt da auch der biologische Faktor dazu und löst etwas im Menschen aus. Vor 20, 25 Jahren galt man als alt, wenn man mit 30 sein erstes Kind bekommen hat. Heute ist es so: Bis 25 studiert man, dann arbeitet man ein bisschen, und irgendwann fängt man zu überlegen an, ob noch alles passt oder man etwas ändern will." Ihr selbst würde die Entscheidung nicht sehr schwer fallen, denn: „Sollten wir ein Kind bekommen, ist klar, dass wir uns die Karenz teilen. Mein Mann sagt, er möchte auch Zeit mit dem Kind verbringen, außerdem haben wir einen ähnlichen Bildungsgrad und verdienen sehr ähnlich.“ Seidel ist überzeugt, dass sich Beruf und Familie vereinen lassen: „Die Justizministerin Alma Zadic ist für mich ein gutes Beispiel.“ Zadic brachte Anfang Jänner einen Sohn zur Welt, die Sorge-Arbeit wollen sie und ihr Mann (der auch in Väterkarenz gehen will) sich laut Medienberichten gemeinschaftlich teilen. „Schlussendlich gehören zu einem Elternpaar immer zwei“, meint Nina Seidel.

 

Falsche Frage

Was nun antworten, wenn Eltern, Freund/innen, Bekannte die berühmte Frage stellen? „Ich übergehe die Frage meistens mit einem Lächeln oder mit Humor und sage: ‚Gut Ding braucht Weile’“, verrät Nina Seidel ihre Strategie. Für Karin Harrasser ist es schlicht nicht die richtige Frage: „Das Leben ist ein dynamisches Gebilde mit vielen Abzweigungen. Es ist ein Mythos, dass man sich einmal einen Plan zurechtlegt und alles klappt dann genau so. Viel interessanter ist, den Lebensweg als einen Prozess zu sehen, der auch einmal in die Irre geht. Weder Frauen noch Männer wissen, wie ihr Leben verläuft, aber es muss ihnen die Sicherheit vermittelt werden, dass es Instanzen gibt, die ihnen helfen. Sodass sie wirklich die Wahl haben und herausfinden können, welcher Lebensstil zu ihnen passt.“

Karin Harrasser ist Vizerektorin für Forschung und Kulturwissenschafterin an der Kunstuniversität Linz.
Karin Harrasser ist Vizerektorin für Forschung und Kulturwissenschafterin an der Kunstuniversität Linz.
© vog.photo
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