„Es kann keine Winterkleidung für das Kind gekauft werden, es gibt kein Frühstück, Freizeitaktivitäten, Schulausflüge und Nachhilfe sind nicht möglich, notwendige Therapien können nicht in Anspruch genommen werden“, schildert Nadine Bliem von der Volkshilfe OÖ einige der Probleme, mit denen armutsgefährdete Familien kämpfen.
Im Jahr 2019 waren 303.000 Kinder und Jugendliche in Österreich armutsgefährdet, 2021 waren es bereits 368.000 – das sind die aktuell verfügbaren Zahlen. „Als armutsgefährdet werden jene Personen bezeichnet, deren äquivalisiertes Nettohaushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle von 60 Prozent des Medians liegt“, erklärt Bliem. Für einen Einpersonenhaushalt lag diese Armutsgefährdungsschwelle 2021 bei 1.371 Euro pro Monat.
„Oft wird in der Gesellschaft angenommen, wer von Armut betroffen ist, sei selbst schuld“, sagt Bliem. „In Wahrheit dominieren in Österreich die strukturellen Ursachen wie niedrige Löhne, ein erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt oder steigende Lebenshaltungskosten.“
Dass zu wenig Geld da ist, wirke sich auf verschiedenen Ebenen aus, wie die Alleinerziehende Karin O. (Name geändert) aus Oberösterreich erzählt: „Die Teuerungen im letzten Jahr sind sehr herausfordernd für uns, weil die Grundlebensmittel und generell die Fixkosten so hoch sind, dass dadurch viele andere Dinge nicht mehr möglich sind. Bei meinem Sohn merke ich das etwa daran, dass wir nicht mehr in die Spielgruppe und ins Kinderturnen gehen können. Auch bei kostenintensiven Ausflügen und unserem Lieblingsessen müssen wir uns einschränken, da alles einfach zu teuer ist.“
Die Betroffenen sprächen dann oft von der „Butternudelwoche“ oder der „Toastbrotzeit“, sagt Nadine Bliem.
Die Volkshilfe setzte ab 2019 für die Dauer von zwei Jahren ein Modellprojekt um, bei dem 23 Kinder aus Familien in allen Bundesländern im Sinne einer Kindergrundsicherung unterstützt wurden. Dabei wurde ein maximaler Höchstbetrag von 625 Euro pro Kind und Monat ausbezahlt.
„Das Ergebnis war überraschend für mich. Ich dachte, Geld kann doch nicht so viel verändern“, sagt Bliem. Das Projekt sei sozialarbeiterisch begleitet, und mit den Kindern seien Ziele formuliert worden. Dazu gehörten zum Beispiel mehr Freunde haben, weniger Geldprobleme, Urlaub machen.
„Schon nach kurzer Zeit wurden deutliche Verbesserungen sichtbar. Psychosomatische Beschwerden wie Bauchweh bei den Kindern waren weg, das Zugehörigkeitsgefühl in der Schule ist besser geworden, die Existenzängste waren weg. Bei den Eltern war wieder Energie da, vorausschauend zu planen.“
Eine Kindergrundsicherung wäre nur eine wichtige Maßnahme, um Kinder vor Armut zu schützen, sagt Bliem. „Es braucht vor allem nachhaltige Unterstützung. Dazu gehören etwa der Ausbau der sozialen Infrastruktur, Essensbeiträge im Hort oder Kindergarten, günstigere Wohnungen sowie flexiblere Zeiten bei Kinderbetreuungsplätzen.“
In Oberösterreich würden armutsgefährdete Familien durch „gezielte Maßnahmen“ unterstützt, sagt Soziallandesrat Wolfgang Hattmannsdorfer: „Beim aktuell zu beantragenden oö. Wohn- und Energiekostenbonus haben wir etwa einen eigenen Zuschuss von bis zu 200 Euro für Kinder im Haushalt beschlossen. Zum anderen betreiben wir eine aktive Arbeitsmarktpolitik, denn der Schritt heraus aus der Armut gelingt am besten durch eine Beschäftigung. Unabhängig davon gibt es vom Land OÖ eine Vielzahl an Förderungen, die auf Familien zugeschnitten sind.“
Sozialstammtisch mit LR Wolfgang Hattmannsdorfer: „Sozialpolitik in Oberösterreich“, Mo., 25. 4., 19 bis 21 Uhr, Cardijn Haus, Kapuzinerstraße 49, 4020 Linz
Sozialratgeber
Download hier >> oder Sozialratgeber KOSTENLOS bestellen unter office@kirchenzeitung.at oder telefonisch: 0732 / 7610 3944.
Erfahrungen aus dem Alltag mit einem autistischen Jungen >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>