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Institut Hartheim: „An diesem Ort darf nur noch Gutes passieren“

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Das Institut Hartheim in Alkoven blickt auf 55 bewegte Jahre zurück. Geschäftsführerin Sandra Wiesinger spricht über den Zeiten- und Sinneswandel in der Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung.

Ausgabe: 46/2023
14.11.2023
- Lisa-Maria Hammerl
Im Institut Hartheim sollen die Bewohner:innen so weit als möglichst selbstbestimmt leben.
Im Institut Hartheim sollen die Bewohner:innen so weit als möglichst selbstbestimmt leben.
© Institut Hartheim (2)

1965 wurde der Grundstein für das heutige Institut Hartheim gelegt, das sich in unmittelbarer Nähe zum Schloss Hartheim in Alkoven befindet. Dort wurden während der Zeit des Nationalsozialismus mehr als 30.000 Menschen ermordet, darunter auch viele Personen mit Beeinträchtigung.

 

„Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat man wieder begonnen, Angebote für Kinder mit Beeinträchtigungen zu schaffen, eine davon war das Institut Hartheim“, erzählt Geschäftsführerin Sandra Wiesinger. Der nächste große Entwicklungsschritt sei gewesen, sinnvolle Tätigkeiten für die betreuten Menschen zu schaffen.

 

Engagierte Mitarbeiter:innen gründeten die ersten Werkstätten, wo die Fähigkeiten und Talente der Betreuten gefördert werden sollten. „In früheren Zeiten stand der Versorgungsauftrag im Vordergrund. Die wichtigste Entwicklung war, dass seither die Individualität, die Teilhabe und das autonome Handeln der Menschen mit Beeinträchtigung immer mehr in den Mittelpunkt gerückt wurden“, betont Wiesinger. 

 

GESCHICHTE IMMER PRÄSENT

 

Durch die Nähe zum Schloss seien die Geschehnisse der NS-Zeit immer präsent, doch auch in der eigenen Geschichte gibt es dunkle Kapitel. In den 1980er Jahren wurden Fälle von Missbrauch und Gewalt öffentlich. Das Haus war zu der Zeit in der Hand von geistlichen Schwestern.

 

„Es ist damals nicht im Sinne der Menschen mit Beeinträchtigung gehandelt worden“, sagt Wiesinger. „Gerade deshalb wollen wir erst recht eine Vorzeigeeinrichtung sein und sagen, an diesem Ort darf nur noch Gutes passieren.“

 

Sichtbar ist dies etwa im regen Austausch mit dem Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: „Es gibt eine enge Zusammenarbeit. Unter anderem wurden wir in die aktuelle Ausstellung eingebunden. Ein Teil beschäftigt sich damit, wie es Menschen mit Beeinträchtigung jetzt geht, wo ihr Stellenwert in der Gesellschaft ist. “

 

BEGEGNUNGSMOMENTE

 

Es ist Sandra Wiesinger wichtig, Begegnungszonen zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zu schaffen. Deshalb hebt sie als eines der bedeutendsten Schritte des Instituts Hartheim dessen Dezentralisierung hervor: „In den 90er Jahren entstand die erste Außenstelle. Mittlerweile sind wir in zehn Gemeinden in Oberösterreich vertreten.“

 

Früher hätten die Bewohner:innen in der Einrichtung mehr oder weniger isoliert gelebt, heute seien die Häuser völlig offen und „wir freuen uns über jeden Gast.“ In den Gemeinden, wo das Institut integriert ist, gibt es auch viele Kooperationsprojekte.

 

„Mittlerweile arbeiten Menschen nicht nur bei uns in den Werkstätten, sondern auch in anderen Firmen in Form von integrativer Beschäftigung. Es gibt auch viele Veranstaltungen, die Begegnungsmomente schaffen“, nennt Wiesinger Beispiele.

 

Sie sieht aber sehr wohl auch Grenzen der Inklusion: „Je schwerer Menschen beeinträchtigt sind, desto mehr brauchen sie oft ihren eigenen Schonraum. Zu viele Menschen, zu viel Neues würde sie überfordern. Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, vertraute Bezugspersonen und Rituale.“ 

 

HERAUSFORDERUNGEN

 

Wie generell im Sozialbereich gehöre es derzeit zu den schwierigsten Aufgaben, ausreichend Personal zu finden, sagt Wiesinger: „Wir brauchen sehr viele Pflegefachkräfte, weil die Personen, die wir betreuen, nicht nur aufgrund ihrer Grunderkrankung, sondern auch durch das zunehmende Alter immer mehr Pflege brauchen.“

 

Die zweitgrößte Herausforderung gehe mit der ersten einher: die Beschaffung ausreichender finanzieller Mittel. „Wir sind eine Einrichtung, die von öffentlichen Geldern Förderungen erhält und finanziert wird. Die Personalkosten sind in unserem Haus der größte Bereich. Wenn wir Sparpakete umzusetzen haben, hat es leider auch Auswirkungen auf die Personaleinheiten“, sagt Wiesinger.  

 

Derzeit arbeiten an allen Standorten zusammen 700 Personen. Dem gegenüber stehen 300 Menschen, die im vollbetreuten Wohnen leben und etwa 430 Menschen, die in den Werkstätten tätig sind. 


Einer, der schon seit 45 Jahren in Hartheim lebt, ist Erwin Kowar. Seit 13 Jahren vertritt er die Interessen der Bewohner:innen. Das reicht von der Wiederaufnahme der Gottesdienste nach der Pandemie bis zu Feierlichkeiten und Ausflügen. Auch er berichtet davon, dass sie früher „extrem fremdbestimmt“ waren, heute sich aber „viel geändert hat und wir großes Mitspracherecht haben“.

 

Auch bei der Gestaltung des Adventwegs sind die Bewohner:innen voll integriert. Der Weg führt vom Schloss durch das ganze Gelände des Instituts Hartheim, mit Punschstand, kulinarischer Verköstigung und dem Verkauf von in den Werkstätten hergestellten Produkten. „Beim Adventweg kommen wir mit den Menschen aus der Region ins Gespräch“, sagt Erwin Kowar. Zukünftig will das Institut weiterhin auf vielfältige Angebote setzen und noch mehr generationenübergreifende Begegnungszonen schaffen.


Tipp: Adventweg beim Institut-Hartheim, Eröffnung So., 26. 11., 12–17 Uhr

Sandra ­Wiesinger ist Geschäftsführerin des Instituts Hartheim.
Sandra ­Wiesinger ist Geschäftsführerin des Instituts Hartheim.
© Institut Hartheim
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