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Hinter den Fassaden von Einfamilienhäusern oder Bauernhöfen spielt sich manchmal ein Leid ab, über das man nicht gerne spricht.
„Gewalt im Alter wird oft nicht als solche erkannt, weil dieses Thema nicht vorstellbar ist“, sagen die Expertinnen Manuela Mittermayer und Linda Köstenberger vom unabhängigen Verein Pro Senectute. Besonders in ländlichen Strukturen herrsche oft die Einstellung vor, dass man Probleme „in der Familie ausmacht“ und das Private auch privat bleiben muss.
Scham und die Sorge, was die Nachbarn denken könnten, führten dazu, dass Situationen oft erst sehr spät, gar nicht oder nur in Extremfällen als Gewalt wahrgenommen werden – oft von allen Beteiligten.
„Eine klare Definition von Opfer und Täter ist beim Thema ‚Gewalt im Alter‘ oft gar nicht so leicht“, sagt die Soziologin Manuela Mittermayer und führt das Beispiel einer demenzkranken Person an, die – aufgrund ihrer Erkrankung – gegenüber ihren Angehörigen oder Pfleger:innen gewalttätig wird.
Natürlich gebe es auch im Alter die (zumeist männliche) Partnergewalt, aber häufiger sei Gewalt in Pflegesituationen. Viele Menschen hätten sich an unwürdige Situationen gewöhnt und seien quasi „betriebsblind“ geworden.
„Gewalt generell und auch im Alter ist weit mehr als körperliche Übergriffe“, sagt Mittermayer. „Auch Vernachlässigung ist eine Form von Gewalt. Sie geschieht oft schleichend, etwa wenn pflegebedürftige Personen nicht mehr ausreichend versorgt werden oder man ihnen die notwendige Hilfe verweigert.“
Auch psychische Gewalt sei weit verbreitet: Sie äußere sich durch respektlosen Umgang, Anschreien oder emotionale Erpressung. Oftmals ist die Grenze zur Bevormundung fließend, wenn über den Kopf der älteren Menschen hinweg Entscheidungen getroffen werden, die ihre Selbstbestimmung massiv einschränken.
In vielen Fällen sei es jedoch die schiere Überforderung der pflegenden Angehörigen oder auch der Druck, der auf professionellen Pflegekräften lastet, die zur Eskalation führen. „Wenn eine Demenzerkrankung das Wesen der Mutter oder des Vaters verändert, dreht sich das gewohnte Rollenverhältnis komplett um, was für die Kinder eine enorme psychische Belastung darstellt“, erklärt Sozialmanagerin Linda Köstenberger, die früher selbst in der mobilen Pflege tätig war. „Viele Angehörige handeln ursprünglich aus bester Motivation, schämen sich aber, wenn sie an ihre Grenzen stoßen, und suchen aus Angst vor der Meinung der Nachbarn keine Hilfe.“
„Älteren Menschen fällt es oft schwer, zuzugeben, dass sie Unterstützung brauchen“, sagt Manuela Mittermayer. „Aussagen wie ‚Es geht schon noch‘ oder ‚Ich kann das noch selbst‘ führen dazu, dass pflegebedürftige Menschen auch in finanzieller Hinsicht nicht die Hilfe bekommen, die sie wirklich brauchen würden. Sie erhalten in vielen Fällen durch falsche Einstufung zu wenig Pflegegeld.“
Der Verein Pro Senectute will konkret helfen. Um der Gewalt im Alter entgegenzuwirken, wird Aufklärungsarbeit gemacht und ein österreichweites kostenloses und anonymes Beratungstelefon angeboten. Aus diesen Beratungserfahrungen und intensiven Recherchen nach guten, tragfähigen Lösungen entstand das „Netzwerk Refugium“.
Dieses Pilotprojekt im Bezirk Rohrbach bietet individuelle Unterstützung an, die über Standardlösungen hinausgeht. Auf Wunsch kommt das Team auch direkt nach Hause, um die Pflegesituation vor Ort zu klären – jedoch nur mit Einverständnis der Betroffenen. „Wir zwingen niemand zu irgendetwas“, betont Linda Köstenberger. „Wir möchten überfordernde Betreuungssituationen vermeiden oder entschärfen. Wir sind auch dort da, wo andere keine Lösung mehr wissen. Wir haben Zeit zum Zuhören und bieten unsere Fachkompetenz an.“
Kooperiert wird dabei mit dem Sozialhilfeverband, den mobilen Hilfsdiensten, freiberuflichen Pflegekräften, Freiwilligenorganisationen, Gemeinden, der Polizei, dem Gewaltschutzzentrum und einschlägigen Beratungsstellen. Im Notfall kann Betroffenen in Kleinzell sogar eine kleine Wohnung angeboten werden.
Die gemachten Erfahrungen aus dem „Netzwerks Refugium“ im Bezirk Rohrbach will man für die Weiterarbeit – auch in anderen Regionen – nutzen und allgemein zur Verfügung stellen.
Die aus Altenfelden stammende Linda Köstenberger lädt ein, das Angebot zu nutzen: „Es ist definitiv keine Schande, sich Unterstützung zu holen, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß.“
Die Expertinnen sind sich einig, dass beim Thema „Gewalt und Alter“ noch viel zu tun ist, vor allem auch, weil es vielerorts noch ein Tabuthema ist. Manuela Mittermayer zieht einen Vergleich: „Es hat lange gedauert, bis die „gsunde Watschn“ als Erziehungsmethode aus den Köpfen der Menschen verschwand. Heute wissen wir alle: Das ist Gewalt an Kindern und diese ist schlichtweg verboten. Diese Sensibilität, Gewalt egal in welcher Form zu erkennen und auch als solche zu benennen, braucht es auch in Bezug auf alte Menschen.“
Wanderausstellung „hALT, keine GewALT“ von 24. 2. bis 6. 3., Empowermentcenter Linz, Bethlehemstraße 3
Für Menschen, die selbst betroffen sind, und für alle, die sich um jemand im Umfeld Sorgen machen. Über diese Nummer sind auch die Mitarbeiter:innen des „Netzwerk Refugium“ im Bezirk Rohrbach erreichbar.
prosenectute.at, netzwerk-refugium.at
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