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Die vielen Spielarten des Kopftuchs

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Es gibt viele Arten und Gründe, Kopftuch zu tragen oder nicht.
Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus zählt einige auf. 

Ausgabe: 04/2026
20.01.2026
- Das Gespräch führte Monika Slouk.
Tücher aus Baumwolle und Seide auf einem Markt in Istanbul.
Tücher aus Baumwolle und Seide auf einem Markt in Istanbul.
© wjarek/iStock

Frau Prof. Spielhaus, ein Kopftuch ist, wenn es eine muslimische Frau trägt, mit Symbolik aufgeladen. Warum tragen Frauen eines der verschiedenen Kopftücher nach islamischer Tradtition?


Riem Spielhaus: Da gibt es viele Spielarten.Im religiösen Kontext kann es ein Symbol für Bescheidenheit sein oder für Anstand. „Anständige Kleidung“ ist übrigens nicht auf ein Kopftuch beschränkt. Auch ich als Professorin, die kein Kopftuch trägt, möchte anständig rüberkommen, da spielt etwa die Kürze des Rockes oder die Größe des Ausschnitts eine Rolle. Auch für Männer gelten gewisse Anstandsregeln.
Durch das Kopftuch kann eine Frau auch ausdrücken, dass sie sich an sexuelle Normen, die in religiösen Kontexten geäußert werden, hält.

 

Was gehört neben der Anständigkeit noch zu den vielen Spielarten des Kopftuchtragens?


Spielhaus: Es gibt äußerst modebewusste Kopftuchträgerinnen, sie nennen sich selbst „Hijabistas“ in Anspielung auf die „Fashionistas“ („Hijab“ ist arabisch für Schleier, Anm.). Sie beschäftigen sich mit Design und Kunst und sehen das Kopftuch als Accessoire. Sie wollen modisch auffallen und sich gleichzeitig zum Islam bekennen. Manche tragen Tücher sehr teurer Luxusmarken.
Außerdem gibt es milieuspezifische Kopftucharten. So kann man Angehörige unterschiedlicher türkischer Gemeinden an ihren Tüchern erkennen. Auch die regionale Herkunft zeigt sich an der Art des Kopftuchs. Allerdings verschwimmt das. An der Uni sind Studentinnen zum Beispiel weniger von ihren Eltern geprägt als von ihrem Freundeskreis oder von ihren Social-Media-Ikonen. Da erkenne auch ich nicht, ob jemand schiitisch oder sunnitisch ist, ob jemand aus dem arabischen, türkischen, marokkanischen oder ägyptischen Kontext kommt.

 

Welche politische Bedeutung kann das Tragen eines Kopftuchs haben?


Spielhaus: Wenn wir jetzt in den Iran blicken, zeigt sich die politische Aufladung des Kopftuchs drastisch. Wie und ob es getragen wird, ist dort ein politisches Statement. Es gibt die, die sich als besonders linientreu zeigen wollen, ebenso wie jene, die es aus Protest nicht tragen oder so tragen, dass man den Haaransatz sieht. Es ist ins Zentrum der Auseinandersetzung geraten.

 

Wie fremdbestimmt sind muslimische Frauen, wenn sie ein Kopftuch tragen?


Spielhaus: Das ist sehr unterschiedlich. Gerade die modischen Hijabistas zeigen deutlich, dass die Vorstellung falsch ist, dass alle muslimischen Frauen unterdrückt und fremdbestimmt sind. Eine Karikatur ist mir untergekommen, die viel aussagt. Da steht eine junge Frau mit Jeans und Kopftuch in der Mitte und sagt sinngemäß, sie könne es sowieso nicht allen recht machen. Den einen sei sie zu fromm, den anderen zu freizügig – also mache sie, was ihr entspreche.

 

Ihre Beschreibung klingt so, als ob alle muslimischen Frauen selbstbestimmt wären ... 


Spielhaus: Nein, das sind sie nicht. Es gibt auch Zwang, es gibt Ungerechtigkeit. Allerdings ist die Ungerechtigkeit kein rein muslimisches Thema. Die Debatte über die Unterdrückung der muslimischen Frauen ist ein Entlastungsdiskurs, wie ihn die 2015 verstorbene Psychologin Birgit Rommelspacher nannte. Die Debatte suggeriert, dass es das Patriarchat nur mehr im Islam gibt und dass die Befreiung vom Kopftuch automatisch eine Befreiung vom Patriarchat ist. Beides stimmt nicht. Das Problem ist, dass man den muslimischen Frauen den Kampf nicht abnehmen kann und dass sie ihren eigenen Weg finden müssen, wenn sie selbstbestimmt leben wollen.

 

Was kann muslimische Frauen aber unterstützen, wenn sie unter Druck stehen? 


Spielhaus: Ich höre aus dem pädagogischen Bereich, dass bei der Elternarbeit Ressourcen gekürzt werden, obwohl das ein wirklich wichtiges Thema ist. Ebenso wie die Arbeit mit Buben und Burschen, damit sie eine konstruktive Männlichkeit entwickeln. Das ist angesichts des weltweiten frauenfeindlichen Trends und der Digitalisierung der Lebenswelten von Jugendlichen enorm wichtig. Auch das gilt nicht nur für muslimische Burschen.

 

Warum löst das islamische Kopftuch bei Nichtmuslimen so starke Emotionen aus?


Spielhaus: Es ist ein Thema, bei dem es um den Kern nationaler Identität geht. Warum gibt es in Österreich jetzt wieder ein neues Gesetz dazu? Es geht offensichtlich nicht um die Selbstbestimmung der Mädchen, sonst würde man das größer fassen. Es geht um die Frage, was es eigentlich heißt, österreichisch zu sein. Das ist der Kern. Anders können wir uns diese Hitzigkeit nicht erklären. Viele andere ebenso aktuelle politische Themen werden daneben nicht wahrgenommen. Wir müssen verstehen, warum die Frage nach einem Kopftuch so ein Aufreger ist. Es liegt am Anderssein. Da ist jemand, die sich anders zeigt und trotzdem dazugehören will.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Religiosität im säkularen Raum möglichst unsichtbar werden soll. Das zeigt sich auch bei den Speisevorschriften. Ob jemand Gluten isst oder nicht, ist eine akzeptierte Entscheidung, aber bei Schweinefleisch gilt es als Provokation. Im Sinne von: „Können sich die nicht mal zusammenreißen und doch eine Ausnahme machen?“ Die Besonderheiten werden nicht gerne gesehen, weil sie irritieren.

 

Haben Sie als Islamwissenschaftlerin eine persönliche Geschichte mit dem Kopftuch?


Spielhaus: Ich selbst trage eine Kopfbedeckung nur, wenn es sehr kalt ist. Kopftuch habe ich nie getragen. Allerdings habe ich eine Cousine, mit der ich als Kind in den Ferien viel gespielt habe. Mit 19 entschied sie sich dafür, Kopftuch zu tragen, was mir unsympathisch war. Meine Tante lud uns dann auf eine gemeinsame Reise ein, worüber ich gar nicht erfreut war. Erst nach zwei Tagen habe ich festgestellt, dass meine Cousine nicht nur Trübsal blies, sondern immer noch lebenslustig war. Danach ist mir das Kopftuch gar nicht mehr aufgefallen. Meine eigenen Vorurteile haben mich schockiert. Mit etwas über 40 hat sie das Kopftuch übrigens wieder abgelegt. Vielleicht kann sie es sich nun zeitlich und finanziell besser leisten. Kopftuchtragen kann nämlich auch einfach praktisch sein. Man muss nicht so oft zum Friseur und in der Früh nicht so lange vor dem Spiegel stehen ... „Einmal Kopftuch“ heißt jedenfalls nicht „immer Kopftuch“. Manche tragen es nur zum Gebet oder nur in der S-Bahn oder zu bestimmten Anlässen. Manchmal haben auch Schwestern ganz unterschiedlichen Umgang damit.

 

Was könnte die aufgeheizte Stimmung beruhigen?


Spielhaus:
Der persönliche Kontakt könnte zur Entmythologisierung beitragen. Allerdings kann man den nicht verordnen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Menschen aufeinander zugehen. Aber je polarisierter die Debatten sind, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass so etwas passiert. Daher muss sich die politische Debattenkultur ändern, damit die Aufregung einer konstruktiven Gelassenheit Platz machen kann.

 

 

 

 

Mythos Kopftuch

 

Eine Konferenz an der Universität Wien beschäftigte sich mit religiösen Bedeutungen und gesellschaftlichen Konfliktlinien in Verbindung mit dem symbolträchtigen Kleidungsstück.

 

Ein Kopftuch ist zunächst ein Kleidungsstück. Wie ein Paar Schuhe oder ein Pullover. Kleidung wärmt, schützt vor Sonne, Staub und Wind, Kleidungsstücke verhüllen etwas, sie gestalten, definieren und identifizieren. „Kleider machen Leute“, wusste schon Gottfried Keller, als er 1874 eine Novelle derart betitelte.


Nun erregt das Wort „Kopftuch“ in Österreich 2026 aber Emotionen, die ein Pullover kaum zu erregen imstande wäre. Es wurde über die Jahre zum Symbol für Fremdheit stilisiert und ersetzt zusehends sogar den Halbmond als Kennzeichnung für Islam.


Eine Tagung an der Universität Wien setzte sich mit dem „Mythos Kopftuch“ auseinander. Es sollten unterschiedliche Meinungen zusammengetragen werden, ohne Polarisierung, „ohne dass es am Ende Sieger oder Verlierer gibt“, wie Tugrul Kurt als Vorstand des Instituts für Islamisch-Theologische Studien betonte. Den Hauptvortrag hielt (neben anderen aufschlussreichen Beiträgen) die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus von der Universität Göttingen über „Islam und weibliche Körperlichkeit: Das Kopftuch als Symbol, Zeichen und Aushandlungsort“. Am Rande der Konferenz schilderte sie im Interview mögliche „Innensichten“ des islamischen Kopftuchs in Ergänzung zu den vorhandenen Außensichten.

Riem Spielhaus ist Professorin für Islamwissenschaften an der Universität Göttingen.
Riem Spielhaus ist Professorin für Islamwissenschaften an der Universität Göttingen.
© Slouk
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