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Der Krieg in der Ukraine, der Streit um Grönland, die Lage im Iran – solche tagtäglichen Meldungen verunsichern. Wie kann man dem begegnen?
Melanie Wolfers: Dass diese Themen Verunsicherung und Ängste wecken, ist verständlich. Der erste Schritt im Umgang damit ist, sich diese Gefühle einzugestehen und nicht unter den Teppich zu kehren. Denn über das, was wir unter den Teppich kehren, stolpern wir irgendwann. Weiters kann man sich fragen: Wie gehe ich mit der Fülle an negativen Nachrichten um? Eine gute Medienkultur ist da hilfreich. Dazu gehört erstens, auf verlässliche Quellen zu achten, und zweitens die richtige Dosis: Muss ich wirklich andauernd auf das Handy schauen, um zu sehen, was Donald Trump jetzt wieder gesagt hat?
Wichtig ist auch der richtige Zeitpunkt: Muss ich sofort nach dem Aufstehen die neuesten Nachrichten abrufen? Der Tag fängt anders an, wenn ich ihn mit einem Psalm beginne, frühstücke, am offenen Fenster durchatme und dann erst zu Medien greife. Auch am Abend braucht es eine gute Kultur, damit wir nicht mit belastenden Bildern zu Bett gehen. Im Sinne einer vorausschauenden Ethik achte ich darauf, mich durch einen ungesunden Medienkonsum nicht selbst zu überfordern.
Sie unterscheiden Themen wie Angst, Unsicherheit und Ohnmacht. Können Sie das kurz skizzieren?
Wolfers: Angst weist uns auf akute Gefahren hin und drängt dazu, die Situation schnell zu verlassen. Die Unsicherheit hat zwei Komponenten: eine äußere und eine innere. Die äußere Unsicherheit ist die Ungewissheit der Welt: unabsehbare Ereignisse von der Weltpolitik bis hin zu Erkrankungen oder dem Verlust des Arbeitsplatzes.
Die innere Unsicherheit ist unsere emotionale Reaktion auf die äußeren Ereignisse: Wir fühlen uns hilflos, überfordert, unsicher. Sich unsicher fühlen gilt in unserer Gesellschaft als unprofessionell. In Seminaren vor Führungskräften betone ich das Gegenteil: „Es ist höchst professionell, wenn Sie sich unsicher fühlen in Situationen, in denen Neues passiert.“ Denn Unsicherheit vermittelt uns, dass wir mit bisherigen Verhaltensweisen nicht weiterkommen; dass es gilt, neue Wege zu suchen.
Anders als die Angst, die zur schnellen Flucht drängt, fordert die Unsicherheit auf, langsam voranzugehen. Unsere Schritte zu prüfen, gegebenenfalls auch einen Schritt zurückzugehen. Unsicherheit nötigt uns, kreativ zu werden und Neues zu entwickeln – auch wenn sie sich nicht angenehm anfühlt.
Und die Ohnmacht?
Wolfers: Die erfahren wir in jedem Lebensbereich, etwa wenn ein lieber Mensch trotz unserer Warnungen in sein Unglück läuft; oder wenn wir von einer Krankheit betroffen sind. Ohnmacht in dem Sinne, dass ich nicht so handlungsfähig, so selbstwirksam bin, wie ich sein möchte, gehört zu unserem Leben. In meinem Buch „Nimm der Ohnmacht ihre Macht“ stelle ich verschiedene Haltungen vor, damit die Ohnmacht nicht übermächtig wird. Dazu gehört die Überprüfung, wie ohnmächtig wir wirklich sind. Denn sich ohnmächtig zu fühlen bedeutet noch lange nicht, tatsächlich auch ohnmächtig zu sein.
Ein weiterer Punkt ist das Pflegen von tragfähigen Beziehungen. Zu spüren, dass ich auf jemanden bauen kann, gibt Vertrauen. In der Psychologie spricht man vom Urvertrauen des Menschen. Vielleicht ist das der säkulare Begriff für das, was wir religiös „glauben“ nennen: dem Leben und seinem göttlichen Grund zu vertrauen. Vertrauen kann in konkreten Situationen massiv gestört sein, doch das Urvertrauen kann nachreifen. Übrigens zeigen geschichtliche Umschwünge, dass Veränderung auch im Großen möglich ist, wenn viele Menschen viele kleine Schritte tun.
Eine Unsicherheitserfahrung besteht auch darin, dass es angesichts von Fake News, Leugnung des menschengemachten Klimawandels und dreisten Falschbehauptungen immer schwieriger wird, sich auf wahre Grundlagen zu verständigen ...
Wolfers: Das ist eine große Gefahr und ein schwieriges Problem: Denn wenn die Kraft des Arguments von meinem Gegenüber nicht anerkannt wird, verfangen Argumente gegen diese Haltung nicht. Wichtig erscheint mir erstens, die Suche nach der Wahrheit nicht selbst über Bord zu werfen. Zweitens müssen wir im Gespräch bleiben, und sei es auf zunächst kleiner Ebene, um dann die „Inseln des Gemeinsamen“, der Verständigung ausweiten zu können.
Kann man zusammenfassend sagen, dass ein erster Schritt im Umgang mit Unsicherheit ist, sich Zeit zur Selbstreflexion zu nehmen?
Wolfers: Ja, unbedingt! Es braucht Zeit für die Selbstreflexion und die Selbstwahrnehmung, um sich selbst mehr zu spüren und kennenzulernen.
Ich halte sehr viel davon, sich regelmäßig mit sich selbst zu verabreden. Etwa sich am Abend Zeit zu nehmen für eine persönliche „Tagesschau“ und auf den vergangenen Tag zurückzublicken. Wie eine Künstlerin, die ein Gemälde malt, lösen wir uns von den Details und schauen auf das ganze Bild. Dann treten wir wieder näher an die Leinwand und können an den Details weiterarbeiten, weil wir gesehen haben, wie und wo wir den nächsten Akzent setzen wollen.
„Wahrheit im Wandel. Friedensfähigkeit in Zeiten von Desinformation und zunehmender Verunsicherung“ ist der Titel der Linzer Friedensgespräche am 13. Februar ab 14 Uhr im Linzer Wissensturm (Kärntnerstraße 26). Neben Melanie Wolfers sprechen die Medienpsychologin Martina Mara und der Kommunikationsexperte Andre Wolf. Anmeldung: www.vhs.linz.at
Zur Person
Sr. Melanie Wolfers ist Autorin, Rednerin und Mentorin. Sie hat in theologischer Ethik promoviert und gehört der Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen an. Im ZDF moderiert sie die Talksendung „die letzte Bank“. Ihr Podcast hat den Titel „Ganz schön mutig“.
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