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Holocaust-Gedenktag: Scheuer fordert selbstkritisches Erinnern

KIRCHE_ÖSTERREICH

Der Linzer Bischof sagt, dass ein Überschreiten der Objektivität zugunsten der Solidarität mit den Opfern nötig sei. Er warnte davor, NS-Verbrechen zu relativieren oder als "bewältigt" zu erklären.

26.01.2026
- kathpress / ame
Bischof Manfred Scheuer bei der Gedenkfeier für Marcel Callo, der im KZ Mauthausen ermordet wurde.
Bischof Manfred Scheuer bei der Gedenkfeier für Marcel Callo, der im KZ Mauthausen ermordet wurde.
© Bernhard Wizany

Zu einem verantwortlichen und selbstkritischen Erinnern an die Shoah hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer aufgerufen. Gedenken dürfe nicht in Neutralität oder historischer Distanz erstarren, sondern müsse in ein moralisches Verhältnis zu den Opfern treten und sich mit ihnen solidarisch erklären, betonte Scheuer in einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Jänner.

 

Scheuer verwies auf den Theologen Johann Baptist Metz, der eine Theologie "nach Auschwitz" gefordert habe. Tradition könne nur dann Orientierung geben, wenn sie sich der "katastrophischen Dimension der Geschichte" stelle. Erinnerung bedeute daher, die Perspektive bloßer Objektivität zu überschreiten.

 

Das Gedenken an die Shoah sei untrennbar mit Fragen persönlicher Verantwortung verbunden, so der Bischof weiter. "Beim Gedenken können wir nicht flüchten in ein allgemeines 'Man' oder unpersönliches 'Wir'." Jeder müsse selbst fragen, welche Rolle er einnehme: "Opfer, Richter, Täter, Angeklagter, Verstrickter, Schuldiger, Zuschauer, Beschämter, Anwalt, Flüchtling?", schrieb Scheuer. Eine vorschnelle Identifikation mit den "Guten der Geschichte" ohne Umkehr und Selbstprüfung sei ebenso problematisch wie eine rein statistische Betrachtung der Verbrechen.

 

Ehrliches Gedenken

 

Kritisch äußerte sich Scheuer zu Versuchen, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren oder als "bewältigt" zu erklären. Vernichtungsorte wie Auschwitz, Gusen oder Hartheim ließen sich nicht "bewältigen", die Opfer nicht "aufarbeiten", etwa "indem man aufrechnet und beweist, dass es auf der anderen Seite auch viele gegeben hat". Zahlen könnten zur Gleichgültigkeit verleiten, während die einzelnen Menschen mit ihren Namen und Geschichten im Zentrum der Erinnerung stehen müssten.

 

Entschuldigungs- und Verdrängungsmechanismen seien weit verbreitet, doch ein ehrliches Gedenken müsse Trauer, Scham, Reue und Klage zulassen. Erinnerung sei zudem stets in soziale, politische und religiöse Kontexte eingebettet, "sie braucht die Aufmerksamkeit gegenüber Formen materieller und sozialer Armut, gegenüber Entwurzelung, gegenüber Ängsten, gegenüber Potentialen von Verachtung und Hass, von Ressentiment und Revanchismus", betonte der Bischof.

 

Scheuer verwies auch auf das Geschichtsbild des Philosophen Walter Benjamin, der die Vergangenheit als unaufgearbeitete Katastrophe beschrieb. Solidarität mit den Leidenden dürfe nicht aufgekündigt werden, forderte der Bischof. Hoffnung im Gedenken sei schließlich nur möglich, wenn die Opfer nicht dem Vergessen überlassen werden.

 

Der ganze Text von Bischof Scheuer: Eingedenken und Hoffen (PDF)

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