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„Ein Teil des Stoffs wird im Herbst nachgeholt“

Gesellschaft & Soziales

Die Schere zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten drohe durch die Coronakrise auseinanderzugehen, meint Schuldirektor Georg König. Im Interview erklärt er, was  bei Schüler/innen mit Schwierigkeiten getan werden kann und wieso Maturant/innen trotz allem gut vorbereitet sind für den weiteren Bildungsweg. 

21.04.2020
- Interview: Paul Stütz
Wie kommen Ihre Schülerinnen und Schüler mit dem Lernen von zuhause aus zurecht? 
Georg König: Im Großen und Ganzen gut. Wir haben an unserer Schule insofern einen Vorteil, weil wir uns mit offenen Lernformen schon seit fünf Jahren intensiv beschäftigen. Wir haben unseren Schülerinnen und Schülern ein Tagebuch zugeschickt und sie motiviert, zu notieren, welche Aufgaben sie wann erledigt haben. Damit verbunden sind Reflexionsfragen, wie es ihnen dabei gegangen ist. Es ist seit Jahren unser pädagogisches Ziel, dass sie Schritt für Schritt immer mehr Eigenverantwortung für ihren Lernprozess übernehmen. Ein wesentlicher Beitrag dazu ist, sich nicht nur zu fragen, WAS habe ich heute gelernt, sondern auch WIE habe ich gelernt? WANN und unter WELCHEN Rahmenbedingungen habe ich gut lernen können?

So wie in der Oberstufe wird auch in der Unterstufe der Gymnasien nun seit Ende der Osterferien neuer Stoff erarbeitet. Wie wichtig ist es denn aus Ihrer Sicht, den Lehrplan komplett durchzunehmen?
König: Nur bereits Erlerntes zu wiederholen, wäre langweilig. Es ist schon wichtig, den Lehrplan zu erfüllen, auch wenn dies langsamer geschieht. In dieser Situation Druck auszuüben, hielte ich für verkehrt. Man kann im Fernunterricht nicht in der gleichen Schnelligkeit und Intensität arbeiten wie im Regelunterricht.

Besteht die Gefahr, dass durch die Coronakrise die Schere zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten auseinandergeht?
König: Die Gefahr ist durchaus gegeben. Es gibt einzelne Schülerinnen und Schüler, die zu Hause keine guten Arbeitsbedingungen haben und schlecht erreichbar sind. Bei uns an der Schule sind das wenige, insgesamt ist das aber schon ein Problem.

Im Erlass des Bildungsministeriums steht, dass Sozialarbeiter/innen mit Schüler/innen, die Schwierigkeiten haben, Kontakt aufnehmen sollen. Welche Möglichkeiten hat aber eigentlich die Schule selbst, in solchen Fällen zu helfen?
König: Ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin kann einen Hausbesuch machen, eine Lehrkraft darf das einfach nicht.  Zu den Eltern und Schülerinnen und Schülern nach Hause zu gehen, wäre eine Grenzüberschreitung. Wir suchen seit Beginn des Fernunterrichts telefonisch den Kontakt mit den Eltern, wenn die Kinder auf ein Mail nicht reagieren oder keine Aufgaben abgeben.

Viele Eltern klagen, dass der Heimunterricht eine Überlastung ist.
König: Das ist bei uns nur mehr selten der Fall. Manche haben am Beginn schon über die Fülle an Aufgaben geklagt und die verschiedenen Wege, auf denen sie übermittelt wurden. Deswegen werden die Aufgabenstellungen bei uns in einem Online-Klassenbuch eingetragen, unter Angabe einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit. Die Klassenvorstände haben eine Koordinierungsfunktion bekommen, damit die Summe der Aufgaben in den einzelnen Fächern gut abgestimmt wird. Ab jetzt bekommt jede Klasse alle Aufgabenstellungen über eine einzige Plattform.

Das Schuljahr wird im Präsenzunterricht maximal nur noch wenige Wochen umfassen. Kann es noch Tests und Schularbeiten geben oder soll man die wegfallen lassen?
König:  Das kommt darauf an, wann ein Regelunterricht wieder stattfinden kann. Man wird vielleicht in einer ersten Phase nur einige Klassen in die Schule holen und diese auf verschiedene Räume aufteilen, damit man größere Abstände einhalten kann. Das wäre noch kein Regelunterricht.  Wir werden vermutlich Abstriche machen und uns darauf einstellen müssen, dass im Herbst ein Teil des Stoffs nachgeholt wird. Ich rechne mit einer Verordnung des Ministeriums, da sich Bildungsminister Faßmann vom Parlament die Vollmacht geben hat lassen, in die Lehrpläne einzugreifen.

Wie einverstanden sind Sie mit der Bevorzugung der schriftlichen Maturaform, die wie üblich in zentraler Form stattfinden wird?
König: Ich sehe meine Aufgabe darin, die vorgegebene Form der Reifeprüfung für unsere Schülerinnen und Schüler so gut als möglich zu administrieren. Eine individuelle schulautonome schriftliche Matura, wie teilweise gefordert, wäre nicht möglich gewesen. Lehrkräfte hätten nur mehrstündige Schularbeiten zusammenstellen können, aber die Überprüfung dieser Aufgabenstellungen durch die Bildungsdirektion, die sonst immer durchgeführt wird, wäre nicht mehr realisierbar gewesen. Was man tun hätte können, wäre – wie in anderen Ländern – nur die mündliche statt der schriftlichen Matura durchzuführen. Bei mündlichen Prüfungen wäre es leichter, größere Abstände einzuhalten. Aber ich betone: Was vorgegeben ist, setzen wir um.
 
An Ihrer Schule führte man die Matura in den letzten Jahren computerunterstützt durch. Welche Herausforderungen gibt es nun zu lösen in dieser speziellen Situation? 
König: Ja, die schriftliche Matura findet bei uns in Deutsch am Computer statt, in Mathematik verwenden wir das Programm GeoGebra. Es wird spannend welche Hygienevorschriften und welche Abstände uns vorgegeben werden und wie wir das dann organisieren. Was nicht gehen wird ist eine Matura im Turnsaal. Die Schülerinnen und Schüler haben in den letzten beiden Schuljahren alle Deutsch Schularbeiten am Computer geschrieben und es wäre ein Rückschritt, bei der Klausurarbeit auf Handschrift umzustellen. In Mathematik ist eine grafikfähige Technologie verpflichtend vorgegeben. Wir müssten im Turnsaal ein sicheres Netzwerk mit 75 Arbeitsplätzen installieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies realisierbar ist. Aber wir werden eine gute Lösung finden, da bin ich mir sicher.

Wenn man in die Zukunft schaut: Sind die Maturant/innen gut vorbereitet auf den weiteren Bildungsweg?
König: Ich glaube, dass durch die Monate in der Coronakrise nicht allzu viel versäumt wird. In den letzten Wochen der 8. Klasse stehen Wiederholen und Üben am Programm.  Außerdem ist die Reifeprüfung nicht nur ein Test in Bezug auf Wissen und Können, sondern auch auf die Stressfähigkeit. Diese ist heuer sicher genauso gefordert.

Gehen Sie davon aus, dass Sie alle Schülerinnen und Schüler heuer wiedersehen?
König:  Ich hoffe schon, wenn vielleicht auch nicht alle gleichzeitig. «
 
„Bei mündlichen Prüfungen wäre es leichter, größere Abstände einzuhalten“, sagt Georg König. Er ist Direktor des WRG/ ORG der Franziskanerinnen in Wels.
„Bei mündlichen Prüfungen wäre es leichter, größere Abstände einzuhalten“, sagt Georg König. Er ist Direktor des WRG/ ORG der Franziskanerinnen in Wels.
© privat
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