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Inhalt:
Zur aktuellen Situation im Iran

„Dieses Mal wird es noch nicht reichen“

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Eine Iranerin, die seit zehn Jahren in Österreich lebt, erzählt über ihr früheres Leben als Journalistin im Iran, die Aussichten der Protestbewegung und die Angst um ihre Familie. 

Ausgabe: 49/2022
06.12.2022
- Paul Stütz
Internationale Solidarität: In vielen Ländern (im Bild eine Demonstration in London) wird gegen das Regime im Iran protestiert.
Internationale Solidarität: In vielen Ländern (im Bild eine Demonstration in London) wird gegen das Regime im Iran protestiert.
© Thomas Krych / Zuma / picturedesk.com

Seit Monaten gehen Menschen im Iran gegen das Regime auf die Straße. Auslöser der Proteste war der Tod der 22-jährigen Jîna Mahsa Amini. Sie starb drei Tage, nachdem sie am 16. September von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden war. Grund für die Verhaftung: Amini soll ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben.

 

Seither demonstrieren die Menschen gegen das iranische Unrechtsregime, das seit Jahrzehnten seine frauenfeindliche Vorherrschaft mit religiösen Dogmen untermauert. Der Slogan der Protestbewegung: Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit.

 

Sie musste Lügen verbreiten

 
Auch für Jazmin (Name geändert) ist Freiheit das zentrale Lebensthema. „Es ist das mindeste, was sich ein Mensch wünschen kann, die persönliche Freiheit“, sagt sie. 32 Jahre ihres Lebens musste sie mit der Unterdrückung des iranischen Regimes leben. Sie arbeitete als Journalistin und musste im Auftrag der Machthaber Lügen verbreiten. Da sie das unglücklich machte, fing sie eines Tages an, in ihren Artikeln über Frauenrechte zu schreiben. Sie kritisierte, dass Männer im Iran über alles bestimmen: etwa darüber, ob ihre Frauen und Töchter studieren oder Autofahren dürfen oder eben, wie auch bei Jîna Mahsa Amini, ob sie richtig angezogen sind.  


Es dauerte nicht lange, bis Jazmin bedroht wurde und das Land letztendlich gemeinsam mit ihrem Sohn verlassen musste, der damals drei Jahre alt war. „Ich habe mich in Österreich sofort sicher gefühlt und die Freiheit erlebt, wie ich es in meinem Leben immer erträumt habe“, erinnert sich Jazmin, die gleich nach ihrer Ankunft vor zehn Jahren in Oberösterreich das Kopftuch ablegte. Heute arbeitet sie bei einer Sozialorganisation und hilft Migrantinnen Fuß zu fassen, damit sie einen guten Start in ihrer neuen Heimat Österreich haben können. 


„Wenn ich die Bilder und Videos aus dem Iran sehe, bin ich stolz auf unsere Mädchen und Frauen“, sagt Jazmin im Gespräch mit der Kirchenzeitung: „Es sind noch eher wenig, aber es werden immer mehr, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen. Trotz der Gefahr, dass sie erwischt, brutal attackiert und verhaftet werden.“ Denn die Polizei schlägt die Demonstrationen gewaltsam nieder, was bis dato hunderte Menschenleben gefordert hat.

 

Angst um die Familie 


Jazmin hat Angst um ihre Familie, die weiterhin im Iran lebt und an den Protesten beteiligt ist. „Meine Brüder gehören zum Glück oder leider zu den Menschen, die laut werden wollen.“ 


Sie sind auch der Grund, wieso Jazmin nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen will. „Ich befürchte, dass meine Familie stärker bedroht wird als andere Menschen, wenn das Regime eine Geschichte von mir findet.“ Für sie sei es bitter, dadurch wieder ein Stück weit ihrer Freiheit beraubt zu werden, indem sie nicht offen mit ihrem Namen in der Öffentlichkeit sprechen könne.

 

Das Regime geht bei Kritiker/innen – prominent oder nicht – immer gleich vor: Stets wird über die Bedrohung der Angehörigen enormer Druck ausgeübt. Auch nach Jazmins Flucht dauerte es nicht lange, bis Regierungsvertreter bei ihrer Familie anklopften. „Mein Vater musste behaupten, dass ich nicht mehr zur Familie gehöre, damit sie in Ruhe gelassen werden“, erzählt sie.

 

Berühmte Protestierende


Es habe sich über die Jahre in der Qualität der Proteste einiges geändert, findet Jazmin. „Die Menschen sind lauter geworden und die neue Generation hat nichts zu verlieren.“ In iranischen Medien gelte zwar immer noch: Journalisten, die Kritik am Regime üben, werden festgenommen. Niemand könne unzensuriert schreiben, alle Themen würden manipuliert.  

 

Den Unterschied mache aber aus, dass sich bei den aktuellen Protesten viele berühmte Menschen wie Schauspieler/innen oder Sportler/innen für die Rechte einsetzen. Wie etwa Irans Fußballteam, dass beim ersten Weltmeisterschaftsspiel das Mitsingen der Hymne verweigerte. „Das hat eine große Wirkung außerhalb des Landes erfahren. Ich bin froh, dass sie das getan haben“, sagt Jazmin. Sie teilt damit nicht die Ansicht vieler Protestierender, dass der Iran die Fußball-WM überhaupt boykottieren hätte sollen. „So konnten sie besser zeigen, dass sie mit der Regierung nicht zufrieden sind.“ 

 

Ende des Regimes?


Jazmins Einschätzung ist, dass es noch länger dauern wird, bis sich das iranische Volk seiner Unterdrücker entledigt. „Ich vermute, dass es dieses Mal noch nicht reicht, habe aber gleichzeitig die Hoffnung, dass wir den Machtwechsel in ein paar Jahren schaffen.“ 


Von den Menschen in Österreich wünscht sich Jazmin, dass sie hinter den Iranerinnen und Iranern stehen, die sich für die Freiheit einsetzen und die Aufmerksamkeit für den Iran nicht verlieren.  


Wenn der Iran eines Tages ein freies Land ist, werde sie jedenfalls endlich wieder in ihre alte Heimat reisen können. Denn trotz allem habe sie gute Erinnerungen an Kindheit und Jugend. „Ich habe mein halbes Leben dort gelebt, das kann ich nicht vergessen.“ 

 

Ende der Sittenpolizei

 

Im Iran wurde vor wenigen Tagen die Sittenpolizei aufgelöst, die bisher für die Einhaltung der Kleidungsvorschriften von Frauen zuständig war. Kritiker der politischen Führung reagierten eher verhalten auf die Auflösung. Immerhin bleibe der Kopftuchzwang bestehen. Ob das angekündigte Ende  der Sittenpolizei als Teilerfolg der Frauenbewegung im Iran gelten kann, wird sich erst in den nächsten Wochen erweisen.

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