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Interview

„Wir waren blind“

Weltkirche

Die Wiener Moraltheologin Sigrid Müller spricht mit der KiZ über die Missbrauchsdebatte und den Umgang der Kirche mit Homosexualität. 

Ausgabe: 04/2022
25.01.2022
- Monika Slouk
Sigrid Müller leitet das Institut für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Wien.
Sigrid Müller leitet das Institut für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Wien.
© j. krpelan

Das Münchner Missbrauchsgutachten bringt schwere Missstände zutage. Warum fällt es Verantwortlichen so schwer, dazu zu stehen?
 

Sigrid Müller: Ja, warum kann man nicht einfach zugeben, dass es damals schlecht gelaufen ist, dass es ein falsches Management gab? Man müsste sagen: „Unter damaligen Bedingungen waren wir blind für dieses Thema. Wir haben nicht darauf geschaut, was das mit den Menschen macht, die sexuell missbraucht werden, sondern uns nur darum gekümmert, wie wir das innerhalb der Kirche regeln. Wie man die Priester versorgen kann, wo man sie unterbringt.“ Es wurde nur nach innen gedacht, überhaupt nicht an die Menschen. Das ist erschütternd.
 

Die Kategorien „innen“ und „außen“ sind in der Kirche nicht überwunden.
 

Müller: Ja, sie sind zum Teil noch da. Papst Franziskus geht mit seiner Idee vom synodalen Weg zu einem anderen Kirchenbild über. Zu einer Kirche, die alle Katholik/innen umfasst. Missbrauchsbetroffene waren auch Ministranten, das ist ja gar nicht „außen“. Aber es gab innerhalb der Kirche den engeren Kreis der Kleriker und den äußeren Kreis der anderen, der Laien. Die Abspaltung in der Kirche kann nur überwunden werden, wenn man sich wirklich als ein Gottesvolk sieht, das gemeinsam unterwegs ist.
 

125 Kirchenmitarbeiter/innen in Deutschland machten öffentlich, dass sie lesbisch, schwul oder nicht der „Norm“ entsprechend leben. Sie wollen das nicht mehr verheimlichen, aber ihren Arbeitsplatz in der Kirche behalten. Ein weiterer Schritt Richtung gemeinsames Gottesvolk?
 

Müller: Ein Punkt ist nach wie vor die Angst vor der Sexualität. Beim Thema Missbrauch ging es im kirchenrechtlichen Denken und in der früheren Sexualmoral um bestimmte, beschreibbare Handlungen, die man innerhalb der Kirche nicht haben wollte. Man konnte sie definieren. Wenn sie stattgefunden haben, war es schlecht, wenn sie nicht stattgefunden haben, konnte es nicht so schlecht sein.

 

So geht man auch mit Homosexualität um. Die Menschen werden nicht verurteilt, sondern die Handlungen. Das Grundproblem dahinter ist, dass man Sexualität vom Menschen trennt. Sexualität gehört aber zum Menschen. Die Kirche muss sich dazu bekennen, dass der Mensch ein leibliches, geistiges, seelisches Lebewesen ist, bei dem die Sexualität einfach grundlegend dazugehört. Das muss die Basis sein, damit der Umgang mit diesen Themen ehrlicher wird. 


Das erklärt auch die Meinung Papst Benedikts, dass das Masturbieren eines Pfarrers vor „vorpubertierenden Mädchen“ kein Missbrauch sei.
 

Müller: Ja, weil man damals nicht von der Verletzung der Gefühle, der Persönlichkeit und der Menschenwürde ausgegangen ist, sondern von definierbaren Handlungen, die man einteilen konnte in neutrale oder in moralisch schlechte oder moralisch gute. Das engt den Blick ein. Das psychologische, mitmenschliche Gespür ist in solchen Aussagen zu vermissen.


Ist die Kirche am Weg der Besserung?
 

Müller: Eindeutig. Die Tatsache, dass die Kirche solche Gutachten in Auftrag gibt, ist ein Zeichen des Aufklärungswillens. Das muss man honorieren. 

 

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