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Mit Leib und Blut

Glaube

Fronleichnam wird vielerorts in der Öffentlichkeit begangen: Religion wird durch Prozessionen sichtbar. Umso wichtiger ist es zu wissen, woher das Fest kommt.
 

Ausgabe: 25/2019
19.06.2019
- Dr. Liborius Olaf Lumma
Der Kommunionempfang „in beiderlei Gestalt“ wurde beim II. Vatikanischen Konzil für die katholische Kirche wiederentdeckt.
Der Kommunionempfang „in beiderlei Gestalt“ wurde beim II. Vatikanischen Konzil für die katholische Kirche wiederentdeckt.
© Rupprecht@kathbild.at

Fronleichnam bedeutet „Herrenleib“, man könnte also „Leib-Christi-Fest“ sagen, im heutigen katholischen Kalender heißt es offiziell „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“. Das Fest wäre nicht denkbar ohne tiefgreifende Entwicklungen im westeuropäischen Mittelalter. Man strebte nach Gewissheit und absoluter Verlässlichkeit – auch in Glaubensfragen –, war sich aber auch der eigenen Unzulänglichkeiten und Sünden bewusst. Das führte zu einer großen Scheu gegenüber dem Kommunionempfang, also dem Essen und Trinken der machtvollen Zeichen von Brot und Wein in der Eucharistie. Weil ja in ihnen Christus selbst gegenwärtig war, fürchtete man sich umso mehr davor, dabei „unwürdig“ zu sein und so noch mehr Schuld auf sich zu laden – also tat man es lieber gar nicht. Dass Eucharistie auch Stärkung und Heilung bedeutet, trat in den Hintergrund.
Das Anschauen des eucharistischen Brotes aber galt als segensreich und gleichzeitig als „ungefährlich“. In diesem Umfeld fiel die Vision der Juliana von Lüttich im 13. Jahrhundert auf fruchtbaren Boden: Die Kirche solle ein Fest zu Ehren der Eucharistie einführen. Innerhalb weniger Jahre verbreitete es sich über ganz Westeuropa: Fronleichnam. Die Frömmigkeit des „Anschauens“ verselbständigte sich: Das eucharistische Brot wurde feierlich ausgestellt, in Prozessionen umhergetragen, in Liedern besungen, auf Knien angebetet. All das trat ins Zentrum des Glaubenslebens: nicht nur, aber besonders am Fronleichnamsfest.
Mit diesem frommen Brauchtum war auch soziale Identität verbunden, Dorfgemeinschaft, öffentliche Selbstbekundung und Stärkung des Glaubens. Das hatte auch Schattenseiten: Fronleichnam diente dazu, sich von anderen abzugrenzen, mehr noch: sie auszugrenzen und herabzuwürdigen. Zuerst traf es die europäischen Juden, die zu Fronleichnam in ihren Häusern bleiben und die Fenster vernageln mussten, weil man ihnen nicht vergönnte, dass der Segen Jesu auch sie erreicht. Nach der Reformation ging es dann ähnlich her zwischen Katholiken und Evangelischen.

 

Neuentdeckung

Überhaupt haben andere christliche Konfessionen diese ganze Entwicklung entweder nie mitgemacht (Ostkirchen) oder sich von ihr distanziert (Kirchen der Reformation). Auch die katholische Kirche selbst hat später ihre Eucharistie ganz neu entdeckt. Im 20. Jahrhundert haben wir wieder gelernt, dass der Empfang der Eucharistie – Brot und Wein! – dem Willen Jesu entspricht (Joh 6,54–56), der diese Zeichen eingesetzt hat (Mk 14,22–24), damit wir ihm sozusagen „mit Leib und Seele“ begegnen können, durch das Essen und Trinken genauso wie durch das Hören und Betrachten seiner Botschaft.
Niemals mehr darf Fronleichnam dazu dienen, andere – gleich welcher Kirche, Religion oder Weltanschauung – auszugrenzen und zu verachten. Die bleibende Beliebtheit dieses Festes dürfen wir aber nützen, um uns auf unsere Mitte zu besinnen. Das heurige Festtagsevangelium (Lk 9,11b–17) ist dafür ein guter Impuls: Jesus will, dass alle satt werden an Leib und Seele. 

 

 

Feiertage
Mit dem Glauben durch die Zeit

Teil 4 von 5

von Dr. Liborius Olaf Lumma 
Privatdozent für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie
(Universität Innsbruck)

Dr. Liborius Olaf Lumma
Dr. Liborius Olaf Lumma
© Christian Wucherer
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