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Jona und der Walfisch

Glaube

Manche biblischen Erzählungen stellen kritische Leser/innen heute auf eine harte Probe. Die Jona-Geschichte ist so ein Text. Dabei sollte die Absicht dahinter nicht aus den Augen verloren werden: Der Text kündet von Gottes Größe und Erbarmen, freilich mit Mitteln, die uns heute als unzulässige falsche Angabe herausfordern.

Ausgabe: 8/2020
18.02.2020
- Simone Paganini
Jona und der Walfisch – Jona hatte keine Wa(h)l
Jona und der Walfisch – Jona hatte keine Wa(h)l
© Esther Lanfermann

Wenn man die Erzählung vom Propheten Jona aufmerksam liest, trifft man zunächst auf eine problematische Notiz: Jona steigt in ein Schiff und will anstatt nach Ninive, der Hauptstadt des Assyrischen Reiches – wie Gott befohlen hatte –, nach Spanien, zum anderen Ende der Welt. Diese Notiz ist ein echtes, aber unbeabsichtigtes „Fake“, denn zur Zeit, als das Jonabuch geschrieben wurde, ist eine solche Reise auf dem Meeresweg zwar möglich, zur Zeit der Assyrer, in der das Jonabuch spielt, hingegen noch nicht.

 

Wunderfisch.

Während Jona auf dem Schiff schläft, kommt ein lebensbedrohlicher Sturm auf. Die Seeleute werfen das Los und finden heraus, dass Jona die Schuld dafür trägt. Sie werfen ihn deswegen ins Meer. Die bis jetzt durchaus realistische Erzählung bekommt nun märchenhafte Züge. Denn ganz zufällig kommt ein Walfisch dahergeschwommen und verschluckt den Propheten, der noch dazu drei Tage lang in seinem Bauch überlebt. Während Jona in den Eingeweiden des Fisches ausharrt, unternimmt der Fisch eine kleine Weltreise. Das gewaltige Tier musste – da der Suez-Kanal erst 1869 gebaut wurde – ganz Afrika umrunden und noch etwa 800 km gegen die Strömung des Flusses Tigris ankämpfen, um endlich bis Ninive zu gelangen. Ein Super-Turbo-Wunderfisch also. Die antiken Autoren hatten einerseits eine genaue – wenngleich falsche – Vorstellung dieses Fisches, andererseits ein eindeutiges – aber aus heutiger Sicht nicht korrektes – Wissen über die geographische Beschaffenheit der Welt.

 

Falsche Darstellung.

Besonders spannend wird es jedoch, wenn man sich mit der Frage nach der Art des Fisches, der Jona verschlang, beschäftigt. Denn erst um 1526 identifizierte Martin Luther den „großen Fisch“ – so das hebräische Original – als Walfisch! Besucht man heute den Ort, wo Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, kann man von der ursprünglichen Einrichtung nur noch ein einziges Stück sehen: einen riesigen Walwirbel, den er als Fußschemel verwendete. Ob er sich für seine Jona-Auslegung von Aussehen und Größe seines Walschemels beeinflussen ließ, wissen wir nicht. Auf jeden Fall aber war der Fisch, der Jona verschlungen hatte, seitdem zu einem Wal geworden. Somit entsteht eine schöne, dennoch völlig falsche Darstellung des biblischen Textes. Den Walfisch gibt es nämlich nur in den Köpfen der Leser/innen der Jona-Erzählung, nicht in der Erzählung selbst.

 

Buchtipp: „Von Adams Apfel bis Noahs Stechmücken. Fake News in der Bibel.“ von Simone Paganini. Verlag Herder, 2019. Euro 14,40.

 

„Fake News“ in der Bibel

Teil 4 von 4

Simone Paganini
Geschäftsführender Direktor des Instituts für katholische Theologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen

Simone Paganini
Simone Paganini
© Copyright @ Peter Winandy +49-171-4892738
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