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Fremdheit und Grenzen

Glaube

Wer ins Gebirge geht, erfährt, wo eigene Grenzen liegen. Trotz aller Vertrautheit bleiben die Berge auch immer ein unergründliches Geheimnis.

 

 

Ausgabe: 34/2019
20.08.2019
- Bischof Manfred Scheuer
Als eine Art Mondlandschaft liegt das Geröll bis zu den Resten des Hallstätter Gletschers (Dachsteinmassiv). Wie im Leben geht man beim Bergsteigen manchmal auch durch karstiges Gebiet.
Als eine Art Mondlandschaft liegt das Geröll bis zu den Resten des Hallstätter Gletschers (Dachsteinmassiv). Wie im Leben geht man beim Bergsteigen manchmal auch durch karstiges Gebiet.
© NIE

Die Berge haben immer ein Doppelgesicht: sie laden ein und lassen erschauern. Sie haben etwas Abweisendes, Furchteinflößendes und gleichzeitig Faszinierend-Verlockendes. Immer hüllt der Mensch sich in ein Tremendum, vor dem man zittert, und ein Fascinosum, das beglückend anzieht. Auch der echt Fromme empfindet gegenüber dem unfassbaren Gott immer beides: unüberbrückbare Distanz und verheißungsvolles Umarmtsein. – Berge können wir uns nicht einverleiben oder einfach bezwingen. Es bleibt die Differenz, die gewahrt werden will. Und das ist ein Hinweis auf unseren Umgang mit anderen Menschen, mit der Wirklichkeit.
Der und die anderen sind immer auch fremd. Sie fordern mich heraus und entziehen sich meinem Zugriff. Man kann die Fremdheitserfahrung in einer Weise bewältigen, indem man den anderen den eigenen Anschauungs- und Denkformen unterwirft und ihn in den eigenen Weltentwurf einordnet. Oder das Subjekt erkennt seine Verantwortung an, dem anderen als ihm selbst zu antworten. In der Anerkennung dieser Verantwortung muss es bereit sein, die eigene Verfügungsgewalt einzuschränken. Durch die Begegnung mit dem anderen wird der eigene Narzissmus, die ich-zentrierte Welt aufgebrochen. 
Der andere kann nicht restlos in den eigenen Horizont eingeordnet werden. Echte Begegnung fordert das Herausgehen aus sich selbst, das Verlassen liebgewordener Vorstellungen, den Abschied von Bildern, in denen sich das Ich seine Welt zurechtlegt und zimmert. In der wirklichen Begegnung wird das eigene Ich relativiert.

 

Erfahrungen

Jeder, der über viele Jahre hinweg seinen Weg über Gipfel, Gletscher und Grate suchte, wird in Grenzsituationen den Scheideweg des Lebens und des Todes erfahren haben. Das Mitgerissenwerden von einem Schneebrett, das Hängen im Seil, das Einbrechen in eine Gletscherspalte, der Tod des Freundes, der vor den eigenen Augen abstürzt. Oder auch: ich komme an meine körperlichen und seelischen Grenzen. Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Das Bergsteigen führt in Grenzsituationen und Grenzerfahrungen. In solchen Grenzerfahrungen, die – nicht nur, aber auch – am Berg begegnen, wird das Leid und nur die Endlichkeit vor Augen geführt. Der Philosoph Karl Jaspers sieht aber noch ein weiteres Element, das in ihnen zum Tragen kommt: „Das Gemeinsame ist aber auch, dass sie die Kräfte zur Entfaltung bringen, die mit der Lust des Daseins, des Sinns, des Wachsens einhergehen.“ 
Das Durchleben von Grenzerfahrungen kann mit überwältigenden Glücksgefühlen einhergehen. Manche beschreiben sie als Momente totaler Aufmerksamkeit, die wie Blitze totaler Freiheit wahrgenommen werden. Sie empfinden es so, dass ihnen das wesentliche Sein und der Sinn des Lebens unverhüllt erscheint, völlig einsichtig und klar und ungeheuer schön. Erfahrungen auf dem Berg als Grenzsituation des Lebens und des Todes, aber auch Erfahrungen auf dem Berg als Quelle größter menschlicher Zuneigung können Momente sein, in denen wir etwas vom Geheimnis Gottes erahnen. 

 

 

Dem Himmeln nahe

Die Spiritualität der Berge

Teil 4 von 4 von Bischof Manfred Scheuer, Linz

Bischof Dr. Manfred Scheuer
Bischof Dr. Manfred Scheuer
© Hermann Wakolbinger
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