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Die Energie von Gottes Geist

Glaube

Zu Pfingsten steht der Heilige Geist im Mittelpunkt. Warum die dritte Person des dreifaltigen Gottes heute besser erklärbar ist als früher, erläutert Franz Gruber, Rektor der Katholischen Privatuniversität Linz.

 

Ausgabe: 2018/20
15.05.2018
- Interview: Heinz Niederleitner
© Copyright 2017 azur13 / Photocase, all rights reserved. Want to use this file? Visit http://www.photocase.com/2001501 to buy a l

Wasser, Feuer, Wolke, Taube – diese und andere Sinnbilder beschreiben den Heiligen Geist. Wie kann man ihn sich heute am besten vorstellen?
Franz Gruber: Kein Bild kann die Wirklichkeit des unbegreiflichen Geheimnisses Gottes erfassen. Was aber steht hinter den genannten Sinnbildern? Es ist die Dynamik, Energie, Liebe. Wenn wir in unsere Kultur hineinhören, dann sprechen solche Bilder durchaus an. Etwa der Begriff Energie, der in der Esoterik große Bedeutung hat: Alles dreht sich dort um Lebensenergie. Der Heilige Geist ist das christliche Bild für das Innovative, das Neue, das Schöpferische, das Kraftvolle – in gewisser Weise auch für das Revolutionäre: „Seht, ich mache alles neu“, heißt es in der Bibel (Offb 21,5). Der Geist bringt Bewegung. Ich würde uns als Kirche ermutigen, uns für diese Dimension der Gotteserfahrung noch mehr zu öffnen.

 

Nun ist vom Geist Gottes bereits im Alten Testament die Rede ...
Gruber: Schon im zweiten Vers der Genesis heißt es: „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“. Eine mögliche Übersetzung wäre zu sagen: Er „vibrierte“. Da hört man den Bezug zur Energie.

 

In der Pfingsterzählung der Evangelien bekommt der Heilige Geist jedoch eine ganz bestimmte Funktion. Wie kann man diese Funktion beschreiben?
Gruber: Der Heilige Geist erschafft die Kirche, weil er den Jünger/innen die Kraft und den Mut verleiht, die Botschaft vom Reich Gottes, vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn in alle Räume und Zeiten hinein zu tragen. Theologisch sind Ostern und Pfingsten ein Ereignis. Der Geist Gottes ist die Kraft, die den Tod überwindet und eine weltbewegende Kirche schafft. Dazu werden die Jünger/innen befähigt. Die Urkirche kommt aus der Erfahrung des Kreuzes und der Auferstehung, durchlebt eine Krise und erfährt, dass Jesu Lebensweg nicht das Ende, sondern der Beginn neuen Lebens ist. Diesen Prozess müssen wir als Kirche immer wieder gehen: Auch wir kennen Erfahrungen der Orientierungslosigkeit und der Angst. Letztlich bricht aber immer wieder Neues auf.

 

Die Kirche nennt sieben Gaben des Heiligen Geistes: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Provokant gefragt: Hat ein Christ darauf „Anspruch“?
Gruber: Wenn ich die Erfahrung des Geliebtseins mache, komme ich nicht auf die Idee, ich hätte Anspruch auf Liebe. Ich spüre da nur Dankbarkeit aus reinem Beschenktsein. Die Gaben des Heiligen Geistes sind ein Schema von Fähigkeiten, auf welche Christ/innen für ihr Leben vertrauen dürfen und die auch in unterschiedlichem Maße erlebbar sind. Ein Stück weit sind sie zudem Wegweiser, um diese Gaben, die zum Menschsein und zum Christsein gehören, zu pflegen und zu entfalten. Gleichzeitig ist Demut angebracht: Ich besitze diese Gaben nicht alle in gleichem Maße. Das führt zur Unterscheidung der Geister: Was ist wirklich Geist Gottes und was ist meine eigene Idee, meine eigene Borniertheit? Dafür muss der Mensch zum Hörenden werden, nicht zum Fordernden.

 

Die Bibel verbindet auch andere Folgen mit dem Geist: prophetische Rede, Zungenrede, Heilungen, ... Wie sollen wir heute damit umgehen?
Gruber: Paulus spricht von Gnadengaben, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Er sagt aber auch: Besser fünf Worte mit Vernunft als zehntausend Worte in Zungenrede. Paulus kannte die Gefahr der religiösen Ekstase. Sie ist nur eine mögliche Ausdrucksweise von religiöser Erfahrung. Auch Papst Franziskus nimmt übrigens hier Maß am Aufbau der Gemeinde: Wenn Christen/innen die Gemeinde in „Bessere“ und „Schlechtere“ spalten, dann sind sie nicht geisterfüllt. Das hat auch politische Relevanz: Wir müssen unsere Gesellschaften mühsam durch Politik, Wohlfahrt und Solidarität entwickeln, das geht nicht mit enthusiastischen Erlebnissen. Den Auftrag Jesu, dass wir heilen sollen, muss immer wieder neu übersetzt werden. Es kann nicht bedeuten, die Medizin zu ersetzen.

 

Manche charismatische Gruppen in- und außerhalb der katholischen Kirche bauen für die Zukunft stark auf den Heiligen Geist. Zu Recht?
Gruber: Die jeweilige Form der Kirche ist nicht in ewigen Stein gemeißelt. Das Amtskirchliche ist wichtig für die Kontinuität des Feuers des Evangeliums. Der charismatische Zugang hat aber auch seine Berechtigung, wenn er mit Paulus fordert: „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19) Es braucht beides: das Charisma und das Amt. Bei der Frage, in welche zukünftige Form die Kirche aufbrechen soll, brauchen wir mehr Mut und eben dieses Vertrauen in den Heiligen Geist. Unsere Situation erinnert an die Ängstlichkeit der Jünger/innen, die sich vor Pfingsten nicht vorstellen konnten, dass eine neue Zukunft vor der Tür steht. Deshalb ist Pfingsten ein so wichtiges Fest des mutigen Nach-vorne-Schauens, auch bei den kirchlichen Zukunftsprozessen.

Rektor Franz Gruber lehrt Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholischen Privatuniversität Linz.
Rektor Franz Gruber lehrt Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholischen Privatuniversität Linz.
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