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„Das Wichtigste beim Komponieren ist der Radiergummi“

Komponiert hat er schon mit 13. Seitdem ist er vielfach ausgezeichnet worden. Ein Besuch im Eferdinger Haus des Komponisten, Pädagogen und Malers Fridolin Dallinger, der heuer 80 Jahre wurde.
Ausgabe: 2013/28, Komponieren, Musik, Dallinger
09.07.2013
- Das Gespräch führte Christine Grüll
Sie hatten angeblich schon als Kleinkind einen starken Willen. Hilft das im Kunstbetrieb?
Fridolin Dallinger: Bescheidenheit ist eine Tugend, aber ohne Ehrgeiz geht es nicht. Man muss sich ein Ziel setzen und mit allen Mitteln versuchen, es zu erreichen. Ich habe gespürt, dass ich mich der Musik widmen muss und mit 13 Jahren Komposition bei Helmut Eder gelernt. Ich habe ihn damals als gefeierten Komponisten erlebt und dachte, das möchte ich auch werden. Wichtig in der Kunst ist aber die Selbstkritik, sonst kommt keine Qualität zustande. Helmut Eder hat damals gesagt, das wichtigste Instrument beim Komponieren wäre der Radiergummi. Ich habe nie eine Seite geschrieben, ohne am nächsten Tag das Geschriebene zu überprüfen, und dann ist schon radiert worden. Was spricht Sie beim Komponieren an?
Die romantische Vorstellung ist, dass man vom Meeresrauschen und Waldgeräuschen beeinflusst wird. Das ist nur bedingt richtig. Ich empfange durch die Natur sehr starke Eindrücke. Das Flirren der Luft, die summenden Insekten oder eine bestimmte Stimmung, das sauge ich auf und reflektiere es in der Kunst. Meine Musik ist aber ein Surrogat, kein Abbild der Natur.
Ich stelle Ansprüche an das Publikum, und es lässt sich fordern, aber gewisse Barrieren dürfen nicht überschritten werden. Ich habe auch Zwölftonmusik geschrieben, bin aber zu der Erkenntnis gekommen, dass man das Publikum damit nicht berührt.
Stille spielt beim Komponieren sicher eine große Rolle ...
Popmusik in Lokalen, im Geschäft oder im Wartezimmer, das ist eine Zumutung. Andererseits – in einem Weinlokal in Altaussee haben sie Musik aus dem Salzkammergut gespielt. Ich habe mir Wein und eine Jause gekauft, das hat wunderbar gepasst. Man braucht die Stille. Die habe ich in meinem Wochenendhaus mit Klavier. Hier kann ich arbeiten, ohne dass mich jemand stört. Die Ruhe ist die Voraussetzung für die innere Sammlung und ohne Sammlung geht das Komponieren nicht. Tragen Sie Verantwortung als Komponist?
Ich habe das Gefühl, eine gewisse Verantwortung zu tragen, sie wird nicht von der Öffentlichkeit gefordert. Man wird schließlich unterstützt, früher vom Klerus und vom Adel, heute von der öffentlichen Hand. Ich muss das, was ich mache, verantworten, mit meinem Gewissen vereinbaren können. Es soll zumindest meinen Ansprüchen genügen und ich hoffe, dass es auch den Anforderungen der anderen entspricht. Wie haben Sie Ihr Geburtstagskonzert im Bruckner Haus am 10. Juni erlebt?
Ich habe mich sehr gefreut. Es war fantastisch und alle waren so engagiert. Die Instrumentalisten der Bruckner Uni unterscheiden sich kaum mehr von Musikern, die mit ihrer Ausbildung fertig sind. Uraufgeführt wurden die 5. Sinfonie mit Texten von Adalbert Stifter und aus der Bergpredigt sowie die Transkription des Werks „Erinnerung“ von Anton Bruckner für Streichorchester und Harfe. Dennis Russel Davis ist so sicher im Taktwechsel. Er wird auch bei den Salzkammergutfestwochen ein Klavierkonzert mit einer Tanzsuite von mir spielen.

Welche Begegnungen halten Sie besonders in Ehren?
Am stärksten beeinflusst hat mich die siebenmalige Teilnahme an den Österreichischen Jugendkulturwochen in Innsbruck. Das erste Mal war ich 1953 dabei. Ich bin in der Woche vor der Matura eingeladen worden, aber es ist alles gut gegangen. Chorwerke oder Kammermusik von mir wurden bei jeder Einladung auch aufgeführt. Es waren Leute aus Musik, Literatur, Bildende Kunst dabei. Mit manchen war ich ein Leben lang verbunden war. Ein halbes Jahrhundert lang mit Herbert Rosendorfer, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Hunderte Briefe, die wir uns zwischen den Besuchen geschickt haben, habe ich der Nationalbibliothek übergeben. Mit Peter Kubovsky war ich in Griechenland auf einer Malwoche. Thomas Bernhard habe ich in Innsbruck kennengelernt, Kurt Schwertsik, Friedrich Cerha oder Gerhard Rühm und Gerhard Amanshauser. Wir hatten Referenten wie Carl Orff, Paul Hindemith, Clemens Holzmeister und Ingeborg Bachmann. Es ist schade, dass es solche Zusammenkünfte nicht mehr gibt. Das wäre großartig für Oberösterreich.

Sie haben 1992 das weltliche Oratorium „Die Donau“ nach einem Text von Gertraud Fussenegger vertont. Was bedeutet Ihnen der Fluss?
Ich bin an der Donau aufgewachsen und habe hier mit einem Korkgürtel schwimmen gelernt. Wir hatten herrliche Erlebnisse und eine Riesenhetz. Die Donau ist mein Jugendstrom, er hat mich immer begleitet. Auch, weil mein Vater hat Ölbilder von der Donau gemalt hat. Das Oratorium ist für die Europäischen Wochen Passau und die Landesausstellung entstanden. Der Text reicht von der Meeresnymphe Thetis über die Landung der Nibelungen bis zum Ars Electronica Center. Der Text von Gertrud Fussenegger war musikträchtig, in freiem Rhythmus geschrieben. Das konnte ich gut vertonen. Ab den 1960ern waren Sie sehr erfolgreich. Wie haben Sie diese Zeit des Aufbruchs erlebt?
Ich habe 1965 den Staatspreis bekommen, das Ballett „Die Sieben Todsünden“ wurde im Theater an der Wien aufgeführt, und im Rundfunk haben sie damals sehr viel gemacht. Man konnte schreiben, wie man will, und wurde unterstützt. Vorher hat man nur probiert, wie weit man sich hinauswagen konnte. Ich war zwölf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg aus war. Dann habe ich zum ersten Mal Felix Mendelssohn gespielt, zum ersten Mal Gustav Mahler gehört. In der Künstlervereinigung MAERZ haben wir viel debattiert. Wie haben Sie als Pädagoge den Weg zu qualitätsvoller Musik gewiesen?
Ich habe u.a. an der Pädagogischen Hoch­schule der Diözese Linz unterrichtet. Die angehenden Lehrer habe ich darauf hingewiesen, etwa in der Kirche keine billigen Rhythmen und nicht nur mit Gitarre zu spielen. Wenn man Kinder und Jugendliche nur auf diese Art fischen will, ist das nicht der richtige Weg. Sie wollen auch einmal etwas Geheimnisvolles hören. Das könnte durchaus eine lateinische Messe sein. Was wünschen Sie sich für die Musik?
Wir haben in Oberösterreich eine Förderung wie sonst nirgends. Das Musikschulwerk und das Chorwerk sind die Basis, und die Förderung sollte bis zur Spitze reichen. Deshalb war ich auch nie gegen das Linzer Musiktheater, auch wenn es viel kostet. Wenn es in Oberösterreich so weitergeht, bin ich zufrieden. Klage gibt es keine. Hinweis:
Konzerte mit Werken von Fridolin Dallinger bei den Salzkammerfestwochen im Stadttheater Gmunden: Geburtstagskonzert am Donnerstag, 22. August und Samstag, 31. August, jeweils 19.30 Uhr, www. festwochen-gmunden.at
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