
Was sind besondere Kunstschätze in Oberösterreich?
Lothar Schultes: Ich komme aus Niederösterreich und habe die Kunstgeschichte des Landes Oberösterreich erst neu für mich entdecken müssen. Ich erwandere vieles und bin erstaunt, wie viele Kirchen und Kapellen es noch gibt und wie liebevoll sie gepflegt werden. Oft haben Bauern jene Kirchen, die vom Abriss bedroht waren, gekauft und dadurch bewahrt. Bei vielen hängt das Herz dran, die Kirchen werden seit Generationen betreut und sind teilweise auch geöffnet.
Was können Sie hier exemplarisch nennen?
Schultes: In Lorch brachten Ausgrabungen sogar zwei frühchristliche Kirchen zutage. Zum wertvollsten, das das Land besitzt, gehören der Tassilokelch und der Codex Millenarius maior – ein illuminiertes Evangeliar, das um 800 im Kloster Mondsee entstand und sich heute in der Bibliothek des Stifts Kremsmünster befindet. Unbedingt erwähnen muss man die Wandmalereien im Stift Lambach, die zu den bedeutendsten des 11. Jahrhunderts zählen. Zwei der schönsten Flügelaltäre der Gotik sind in St. Wolfgang und in Kefermarkt erhalten. Ikonisch ist die Westfront des Stiftes St. Florian. Das Besondere ist die Verbindung zu Anton Bruckner, der hier unter „seiner“ Orgel in der Krypta ruht. Erwähnen möchte ich auch den Linzer Mariendom, die größte Kirche Österreichs.
Wie hat sich hier die kunsthistorische Einordnung geändert?
Schultes: Während ich studiert habe, war Neugotik noch Kitsch. Nur wenige, wie etwa Benno Ulm und Bernhard Prokisch, haben den Wert erkannt und positiv darüber geschrieben. Das war noch zu einer Zeit, in der viele neugotische Altäre verbrannt wurden. Für das 20. Jahrhundert zählen die Bindermichl-Kirche und das Altarfresko von Max Weiler in Linz-Christkönig zu den Höhepunkten.
Beim Gang durch die Kunstgeschichte in Oberösterreich fällt auf, dass viele Schätze nicht mehr in den Kirchen zu finden sind, sondern in Museen gelandet sind. Warum?
Schultes: Nicht die Bewahrung, sondern die Zerstörung von Kunst war das Normale. Das Neue ist der Feind des Alten. Im Mühlviertel hat man es sich früher nicht leisten können, ständig alles zu erneuern. Daher finden wir dort noch derart viele gotische Altäre. Die Gotikstraße gibt einen guten Einblick dazu.
Museumsvereine und Stiftsgalerien haben schon früh gesammelt. Das ist heute ein großer Schatz ...
Schultes: Im 19. Jahrhundert wurde der Musealverein gegründet, aus dem später das OÖ. Landesmuseum (1920) und in weiterer Folge die OÖ. Landeskultur GmbH wurde. Einer der Schwerpunkte des Museums ist die gotische Sammlung, auch Barock war früher sehr gut vertreten.
Die Stifte haben ebenso schon früh gesammelt. In Kremsmünster und in St. Florian etwa hat man schon im 17. Jahrhundert damit begonnen. Viele Schenkungen an das Museum kamen von Pfarrkirchen. Was nicht mehr gebraucht wurde, wurde oft verschenkt.
Wie wird heute mit diesen Kunstschätzen in Kirchen umgegangen?
Schultes: Sehr wichtig ist hier die Ausbildung zum Kirchenpfleger, die es seit einigen Jahren in der Diözese Linz gibt. Denn es ist ganz entscheidend, dass man vor Ort, in den Pfarren, Menschen hat, die Kunst sehen, wertschätzen und sorgsam damit umgehen. Wenn man sich erinnert, wie das in der Zwischenkriegszeit war ... Da sind amerikanische Sammler in Oberösterreich unterwegs gewesen und haben eingekauft. Deshalb findet man etwa eine romanische Madonna aus Linz im Metropolitan Museum. Diese einzigartige Marienfigur aus dem 13. Jahrhundert ist eine absolute Rarität. – Heute gibt es mehr Einigkeit darüber, wie wichtig der Denkmalschutz ist.
Inwiefern sind Kirchen und Kunstschätze identitätsstiftend für das Land und seine Menschen?
Schultes: Zum einen sind wir ein Tourismusland. Warum kommen Tourist:innen aus aller Welt nach Hallstatt, Mondsee, St. Florian? Wegen der Kultur und der Landschaft! Solange die Kirchtürme, Kapellen, Marterl und Kreuze noch die Landschaft prägen, wissen wir, wo wir sind.
Oder blicken wir auf den Mariendom: Viele der Besucher:innen kommen nicht zum Beten, sondern wollen das Gesamtkunstwerk sehen. Die Öffnung für Ausstellungen und Konzerte – zum Beispiel Klassik am Dom und die Reihe DonnaStage – finde ich gut. Nichts ärger als eine Kirche, in der es immer still ist und die keiner mehr besucht.
Die neue Reihe wird Personen und ihre Spuren in der Kunst bzw. Geschichte in den Mittelpunkt rücken. Start: Nr. 4/2026.

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