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Im Dialog mit den Judentum klärt sich der eigene Glaube

KIRCHE_ÖSTERREICH

Christentum ist ohne Bezug zum Judentum nicht möglich,  sagt Regina Polak zum Tag des Judentums am 17. Jänner.

Ausgabe: 03/2026
13.01.2026
- Monika Slouk
Regina Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Universität Wien. Im November wurde sie zur Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit gewählt.
Regina Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Universität Wien. Im November wurde sie zur Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit gewählt.
© Universität Wien

Um die Verbindung zwischen Christentum und Judentum bewusster zu machen, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich im Jahr 2000 den 17. Jänner als „Tag des Judentums“ eingeführt. Es ist der Auftakt zur „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ (18. bis 25. Jänner).

 

An vielen Orten in Österreich gibt es Veranstaltungen und Gottesdienste zum Tag des Judentums. Seit 2019 sind die Schwerpunkte aufgeteilt in einen „Tag des Lernens“ am 12. Jänner, einen „Tag des Gedenkens“ am 15. Jänner und den „Tag des Feierns“ am 17. Jänner. Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit organisiert selbst Veranstaltungen und bietet unterstützende Informationen an. Die Universitätsprofessorin Regina Polak ist seine neue Präsidentin.

 

Regina Polak, Ihr Forschungsbereich ist die Praktische Theologie mit einem Schwerpunkt im interreligiösen Dialog. Wann und warum haben Sie begonnen, sich intensiv mit dem Judentum zu beschäftigen?


Regina Polak: Bereits während meines Philosophiestudiums habe ich jüdische Philosophen wie Martin Buber und Emmanuel Levinas gelesen. Denkerinnen und Denker aus dem nichtchristlichen Bereich haben mich immer interessiert, weil sie sowohl den wissenschaftlichen Horizont als auch Fragen des Lebenssinns erweitern und inspirieren. Die Auseinandersetzung mit ihrem Ansatz hilft zu klären, was das Eigene ist. Der Religionspädagogik-Professor Martin Jäggle, der mein Kollege an der Universität Wien war, hat mich später mit dem christlich-jüdischen Dialog in Verbindung gebracht. Ich habe dadurch die Person Jesu besser verstehen gelernt. Und ich habe die antijüdische Tradition im Christentum entdeckt, die mir vorher nicht bewusst war.

 

Sie ist ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte …


Polak: Die antijüdische Tradition steckt tief in der Matrix der Kirche und Theologie. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, damit sich Theologie und Glaube weiterentwickeln. Das ist anstrengend, es bereitet aber auch Freude. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit einem Rabbiner, in der wir gemeinsam Texte aus dem Alten Testament interpretiert haben. Es war so bereichernd, die Fülle der Bedeutungen in den Texten wahrnehmen zu können! In der jüdischen Tradition gibt es eine große Liebe zur Vielfalt der Deutungen. Es hat mir eine enorme Vertiefung des eigenen Glaubens gebracht. Später habe ich mich weiter spezialisiert und einen Universitätslehrgang in Krems zur interreligiösen Begegnung von Juden, Christen und Muslimen absolviert. Der interreligiöse Dialog ist nicht nur ein Hobby, sondern eigentlich eine Verpflichtung für Gläubige. Man muss die eigene und die anderen Traditionen gut kennen. Christ:in sein geht nicht ohne Bezug zum Judentum.

 

Es ist aber nicht mehr so einfach, in Österreich einen lebendigen Bezug zum Judentum aufzubauen. Seit der Schoa leben nur mehr etwa 10.000 bis 15.000 jüdische Menschen in Österreich, die meisten davon in Wien.


Polak: Gerade zum Tag des Judentums am 17. Jänner gibt es Veranstaltungen und Begegnungsmöglichkeiten in vielen Städten in Österreich. Im digitalen Zeitalter finden sich aber auch zusätzliche Wege, etwa auf YouTube, im Podcast oder das gute alte Buch (Tipps siehe Extra-Kasten, Anm.). Dialog ist vor allem eine geistliche Haltung!

 

Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit „Nostra Aetate“ eine Kehrtwende im Verständnis des Judentums gebracht. Bräuchte es ein neues Dokument über die Beziehung zum Judentum?


Polak: Es sind seither viele Dokumente erschienen. Das katholische Lehramt ist in diesem Punkt weiter als die global vorfindbare Theologie und wird oft zu wenig rezipiert. Johannes Paul II. kann man in dieser Hinsicht theologisch gar nicht hoch genug einschätzen. Das betrifft auch seine Lehre über den Islam. Die Kommission des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen zum Judentum hat bereits im Jahr 1985 das Dokument „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“ veröffentlicht. Da stehen grundlegende Punkte drinnen. Auf der Vatikan-Homepage vatican.va finden sich weitere Dokumente in Hülle und Fülle.

 

Der Antisemitismus wächst in Österreich und weltweit wieder rasant. Wie zeigt sich das?


Polak: Die Studie „Was glaubt Österreich?“, die unser Institut 2024 gemeinsam mit dem ORF durchgeführt hat, belegt, dass der Antisemitismus quer durch die Gesellschaft zunimmt. Eine Erinnerungskultur ist zum Beispiel nicht gern gesehen. Ganze 40% sind „dagegen, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Juden umgekommen sind.“ Am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums ist der Antisemitismus besonders stark. Rechts noch stärker als links,  aber auch links. Antisemitismus ist wie ein Chamäleon und ändert sein Erscheinungsbild in der Geschichte. Eine der größten Herausforderungen ist sicher der israelbezogene Antisemitismus.

 

Worauf gilt es zu achten? Antisemitische Äußerungen geschehen ja leider auch unbeabsichtigt.


Polak: Ja, die Frage ist zum Beispiel, wie man berechtigte Kritik an der Politik der Netanjahu-Regierung übt. Oft führen Stereotype dazu, dass Israel delegitimiert oder dämonisiert wird oder dass doppelte Standards angelegt werden. Man nennt das auch die „3 D“ des Antisemitismus. Kritik an Regierungsentscheidungen in Israel soll – wie bei anderen Ländern auch – menschenrechtliche, völkerrechtliche oder politische Probleme adressieren, aber nicht das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellen.

 

Noch einmal zurück nach Österreich: Welche Schwerpunkte setzen Sie als neue Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit?


Polak: Die Schwerpunkte setze nicht ich alleine. Der Koordinierungsausschuss ist ein lebendiges Netzwerk. Vizepräsidentin Margit Leuthold ist evangelisch, Vizepräsident Willy Weisz ist jüdisch. Auch Geschäftsführer Yuval Katz-Wilfing ist ein Jude. Es geht uns um die Erneuerung der Kirchen aus dem Geist des christlich-jüdischen Dialogs. Das betrifft alle Bereiche wie Predigt, Schulen, Religionsunterricht … Außerdem gehören die Förderung der sachlichen Kenntnis des Judentums, die Auseinandersetzung mit christlicher Judenfeindschaft in der Geschichte, das Wachhalten der Erinnerung an die Schoa und die Bekämpfung von Judenfeindschaft bzw. Antisemitismus sowie jeglicher Form des Rassismus zu unseren Aufgaben.

 

Wo liegen heute die Herausforderungen?


Polak: Auch unsere Migrationsgesellschaft verändert etwas in der Erinnerungskultur. Ich wünsche mir in Österreich ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Geschichte nicht vorbei ist. Nicht für die jüdischen Familien, deren Familien ausgerottet wurden. Und auch nicht für jene Familien, die sich zu wenig damit auseinandergesetzt haben, welche Rolle ihre Vorfahren in der NS-Zeit gespielt haben.
Der Koordinierungsausschuss feiert übrigens 2027 sein 75-Jahr-Jubiläum, das wird eine wichtige Station sein. In unserer Arbeit stecken viele Möglichkeiten, nicht nur das Judentum, sondern durch den Dialog auch den eigenen christlichen Glauben besser kennenzulernen und zu vertiefen. Man kann sich bei uns sehr einfach informieren oder auch Mitglied werden. Dann bekommt man regelmäßig Veranstaltungshinweise, Zugang zu Unterlagen, kann auch die tolle Bibliothek mitbenützen.

 

Die Schwelle dafür ist hoch, weil viele Sorge haben, etwas Falsches zu sagen und dann als antisemitisch abgestempelt zu werden …


Polak: Ich kenne das auch aus meinen Lehrveranstaltungen. Da haben viele Angst, dass sie etwas falsch sagen. Wenn man das ändern möchte, muss man einfach einsteigen und auch einmal etwas Falsches sagen. Ja, wird Fehler machen, aber nicht, weil man so ein böser Mensch ist, sondern weil antijüdische Motive so tief im kollektiven Gedächtnis stecken. Auch ich bin in viele Fettnäpfchen getappt und weiß, wie sehr man sich dann schämt. Es ist erlaubt, Fehler zu machen, wenn man etwas Neues lernt. Dafür entsteht dann wirklich ein Raum, in dem man sehr viel Neues und Spannendes entdecken kann.

 


 

Gottesdienst feiern angesichts des Judentums


Zum Tag des Judentums hat Diözesanbischof Manfred Scheuer einen Text veröffentlicht. 

 

Veranstaltung


An der Katholischen Privatuniversität Linz findet am 15.1. um 19 Uhr die Veranstaltung „JUNG.engagiert.religiös. Glaubensidentitäten im Dialog“ anlässlich des Tags des Judentums statt. Infos zur Anmeldung: www.ku-linz.at, Rubrik „Veranstaltungen“.

 

 

 

Wie man sich mit dem Judentum vertraut macht

 

Einige Tipps von Regina Polak

 

Podcast anhören
Eine Liste von empfehlenswerten Podcasts zum Thema Judentum findet sich z. B. hier: podwatch.io/charts/judentum-podcasts

 

Sich online schlau machen
Z. B. auf www.YouTube.com rabbinische Interpretationen biblischer Texte suchen und anhören

 

Christlich-jüdisches Verhältnis
Die Vatikan-Homepage www.vatican.va aufrufen, dort unter „Magisterium“ nach dem Stichwort „Judentum“ suchen und interessante Dokumente in Hülle und Fülle lesen.

 

Mitglied werden
Mitglied des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit werden. Das geht unter
www.christenundjuden.org ganz einfach, kostet nur 35 Euro im Jahr und bietet Zugang zu Informationen und Netzwerk. Man kann sich aber auch ohne Mitgliedschaft beim Koordinierungsausschuss informieren, etwa Vorbereitungsmaterial für einen Gottesdienst zum Tag des Judentums abrufen.

 

Ein Buch lesen
Z. B. „Schulter an Schulter“ von Christian Frevel und René Dausner (hg. 2024) oder „Jüdisch-christlicher Dialog“ von Christian Rutishauser SJ, Barbara Schmitz und Jan Woppowa (hg. 2024) oder „Von Abba bis Zorn Gottes – Irrtümer aufklären, das Judentum verstehen“ von Paul Petzel und Norbert Reck (hg. 2017).

 

Weiterbilden
Online-Kurse und Podcasts auf Englisch bietet etwa das „Shalom Hartman Institute“ an.

 

Begegnen
An einer Veranstaltung rund um den Tag des Judentums am 17. Jänner teilnehmen. Veranstaltungsinformationen finden sich unter
www.christenundjuden.org/tag-des-judentums/ 

 

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