Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
„Ich weiß, Sie hatten es in den letzten Monaten nicht immer leicht mit mir.“ Mit einem schelmischen Lächeln und entwaffnender Offenheit richtete der frisch geweihte Erzbischof Josef Grünwidl diesen Satz an den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Pedro López Quintana.
Ein kleiner Ausschnitt aus seiner ersten Ansprache als geweihter Erzbischof, die er gegen Ende des Weihegottesdienstes am Samstag, 24. Jänner 2026 im Wiener Stephansdom hielt. Der Satz fasst zusammen, was nicht nur den Apostolischen Nuntius, sondern die Erzdiözese Wien und Beobachter:innen von außen durchaus beschäftigt hatte: Als Kardinal Christoph Schönborn nach fast 30 Jahren als Erzbischof im Jänner 2025 mit 80 statt mit 75 Jahren aus dem Amt schied, hatte er noch immer keinen Nachfolger. Ganz so, als wäre dieser Tag überraschend gekommen. Der bisherige Bischofsvikar Josef Grünwidl übernahm die Aufgabe der Diözesanverwaltung als Apostolischer Administrator, nicht weniger und nicht mehr. Was man damals nur gerüchteweise wusste: Jemand hatte die Ernennung zum neuen Wiener Erzbischof abgelehnt.
Dass Josef Grünwidl selbst es gewesen war, der sich nicht vorstellen konnte, als Erzbischof in die Fußstapfen Kardinal Christoph Schönborns zu treten, kristallisierte sich erst langsam heraus. Offiziell bekannte sich Grünwidl dazu im Oktober, gleichzeitig mit seiner Ernennung zum 33. (Erz-)bischof von Wien durch Papst Leo XIV. Authentisch und glaubwürdig versicherte Grünwidl, er habe sich Ende Jänner 2025 nicht bereit gefühlt dafür. Neun Monate und viele Gespräche mit Mitmenschen später sei die Zeit jedoch reif geworden, und er könnte nun aus Überzeugung zusagen. Diese Überzeugung wiederholte er auch beim Weihegottesdienst im Stephansdom. Er sage nun „aus ganzem Herzen ja“! Und wenn Josef Grünwidl das sagt, dann glaubt man ihm. Zu seinen Stärken gehören nicht nur sein Humor, seine Gelassenheit und Offenheit, sondern dass seine Worte und Handlungen wahrhaftig, echt und authentisch wirken.
Oberstinkenbrunn ist eine von zehn Katas-tralgemeinden der Marktgemeinde Wullersdorf im nördlichen Weinviertel. Das ist nur deshalb erwähnenswert, weil der Name des Ortsteils einprägsamer ist als der Name der traditionsreichen Marktgemeinde selbst, die knapp 2.500 Einwohner:innen hat. In Wullersdorf ist Josef Grünwidl als ältestes von drei Kindern einer Bauernfamilie aufgewachsen. Als „stolzen Niederösterreicher“ bezeichnete er sich selbst am Ende des Weihegottesdienstes. Am Anfang der mit allen liturgischen Finessen gestalteten beinahe dreistündigen Weihe- und Amtseinführungsfeier spielte die Blasmusikkapelle der Marktgemeinde Perchtoldsdorf vor dem Stephansdom auf. Erzbischof Josef Grünwidl war in „P-Dorf“, wie es Einheimische liebevoll nennen, von 2014 bis 2023 Pfarrseelsorger gewesen. Und obwohl die Wiener Stadtrandgemeinde mit fast 15.000 Einwohner:innen sechs mal so groß ist wie Wullersdorf, schaffte es die Blasmusik, einen Hauch Landleben auf den Stephansplatz zu zaubern. Das ist, was Grünwidl als Erzbischof zusammenbringt: Er ist ein überzeugter Landmensch, war viele Jahre Landpfarrer (von 1998 bis 2014 in Kirchberg am Wechsel und in umliegenden Gemeinden), und gleichzeitig weltgewandt und weltoffen. Dass Kardinal Christoph Schönborn in seiner Predigt erwähnte, Grünwidl sei ein Vierteljahrhundert lang „einfacher Pfarrer“ gewesen, war mit Sicherheit wertschätzend gemeint, hatte aber unbeabsichtigt noch einen anderen Beigeschmack. Was viel wichtiger war an den Worten des Kardinals, der seinen Nachfolger kurz darauf durch Handauflegung zum Bischof weihte, war die Erwähnung des „hörenden Herzens“, das Josef Grünwidl auf Gott, auf sein Gewissen und auf die Mitmenschen achten ließ. Als „klug, besonnen und weltoffen“ bezeichnete der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig schließlich den neuen Erzbischof – nachdem der Politiker selbst die Bibelstelle Matthäus 8,23–27 vorgetragen hatte, in der Jesus Wind und Meer beruhigte.
Der neu geweihte Erzbischof erwähnte in seinem Schlusswort, dass ein bewegendes Ereignis an diesem Tag sogar internationale Beachtung gefunden hatte – die Abfahrt in Kitzbühel. Entscheidend sei dort, wer am Ende am Stockerl steht. „Auch ich stehe jetzt auf einem Podest“ – aber wichtig sei in der Kirche nicht, wer vorne steht, sondern „wer groß ist in der Liebe“.
Dass es dem neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl ein Herzensanliegen ist, die Distanz zwischen „oben“ und „unten“, „vorne“ und „hinten“ zu überwinden, merkte man nicht nur an Elementen in der Liturgie, bei denen Erzbischof Grünwidl Kontakt mit den mitfeiernden Menschen im Stephansdom aufnahm, sondern auch bei der anschließenden Agape vor dem Dom. Unabhängig von Rang und Namen gab es Chilli und Würstel für alle aus denselben großen Töpfen. Und noch etwas war für alle gleich: die bittere Kälte vor dem Dom.
Umfassende Hintergrundinformationen und Fotos rund um die Bischofsweihe in Wien finden Sie auch online unter www.erzdioezese-wien.at.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
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