Unter Uns
Diesen Sommer will ich nützen, um Mut zu sammeln. Mut zu tun, was ich will und nicht, was ich tun sollte.
Ausgabe: 2013/29, Unter Uns, Erderwärmung
18.07.2013
- Dagmar Giglleitner
Meine ersten vier Semester Musik- und Theologiestudium waren ein Fulltime-Job mit intensivem organisatorischen Aufwand. Ich gestehe jedoch, dass ich an diesem Arbeitspensum teilweise selber schuld war, weil ich ziemlich ehrgeizig bin und lieber weniger schlafe, als schlechte Noten zu bekommen. Diese Einstellung ging gut, bis ich am Ende dieses Semesters nach dem Klavierspielen ein Ziehen in meinen Handgelenken spürte. Weil ich nicht sofort reagierte, konnte ich bald nicht einmal mehr einen Stift ohne Schmerzen halten. Diagnose: Sehnenscheidenentzündung. Therapie: So wenig Belastung wie möglich. Ich wurde nachdenklich und mir fiel auf, wie oft ich bereits Signale meines Körpers ignoriert hatte, weil ich dachte, dass die Welt untergeht, wenn ich eine Aufgabe nicht hundertprozentig erledige. Also überlegte sich mein Körper Symptome, die mich mit Sicherheit ruhig stellen und mich meine Einstellungen hinterfragen lassen: Ist mir Erfolg und Anerkennung wichtiger als Gesundheit und tragende Freundschaften? Zählt im Leben nicht eher, jeden Moment intensiv wahrzunehmen, als etwas Spektakuläres zu erreichen? Diesen Sommer will ich nützen, um Mut zu sammeln: Nicht für die nächsten Prüfungen, sondern Mut zum „Nein“, Mut für Schwächen – Mut zu tun, was ich will und nicht, was ich tun sollte.