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Wenn die Polizei gegen dich ist

Ein Thema, das die Medien einige Zeit beschäftigte, aber inzwischen fast wieder von der Bildfläche verschwunden ist, sind die Proteste in der Türkei. Aus den Augen, aus dem Sinn? Sicher nicht für Eva Reisinger. Sie reiste im Juni nach Istanbul, um ihren Bruder zu besuchen.
Ausgabe: 2013/30, Istanbul, Proteste, Gezi-Park
24.07.2013
- Dagmar Giglleitner
Anders als erwartet war die Stimmung bei der Ankunft am Freitag, 14. Juni ganz friedlich. „Im Gezi-Park wurde gesungen und getanzt; es gab Diskussionsrunden und alles war sehr sauber. Sogar eine kleine Bücherei und ein Theater habe ich entdeckt!“, berichtet Eva von ihrer Überraschung. Die Menschen waren ganz bunt gemischt und traten für die unterschiedlichsten Anliegen ein. Was sie einte, war die Unzufriedenheit mit dem autoritären Regierungsstil von Ministerpräsident Erdogan. Aufgefallen ist, dass es genauso viele Frauen wie Männer gab, was in der Türkei nicht selbstverständlich ist. Neben aufgeschlossenen, westlich orientierten Türken gibt es vor allem am Land noch viele traditionsbewusste – zwei völlig unterschiedliche Seiten, die berücksichtigt werden müssen.

Wie im Krieg


Als am folgenden Tag der Park und der Taksim-Platz geräumt wurden, wan­delte sich die gemütliche Festival-Stimmung zu einem Kriegsschauplatz. „Die Leute wurden mit Tränengas niedergebombt“, erzählt Eva, die das Geschehen aus der Wohnung mitverfolgte. Alles, was an die Proteste erinnern könnte, wurde beseitigt. Doch die Demonstrierenden gaben nicht auf und so begann ein Katz-und-Maus-Spiel: Wenn die Polizei kommt, rennen die Protestierenden und suchen in Seitenstraßen Zuflucht, wo viele Bewohner die Tür einen Spalt offen stehen lassen. Es ist ein Zeichen der Solidarität von denen, die es sich nicht leisten können, selber zu demonstrieren.

Prägende Erlebnisse


Viele Szenen aus Istanbul wird Eva nicht so schnell vergessen. Zum Beispiel das Klatschen und Jubeln, wenn ein Rettungswagen gegen die Vorschriften verletzte Demonstranten abholte. Oder das Mädchen mit der Platzwunde im Gesicht – die Polizei hatte aus ­einem Meter Entfernung auf sie geschossen. „Da kann mir keiner erzählen, dass das unabsichtlich war!“, empört sich Eva. Manches kann man nur schwer nachvollziehen, wenn man nicht dabei war: das brennende Tränengas. Wie es ist, von der Polizei gejagt zu werden. „Wen bittet man normalerweise um Hilfe? Die Polizei! Aber wenn diese gegen dich ist, bist du total schutzlos und ausgeliefert!“

Nicht aufgeben


Eva bewundert das Durchhaltevermögen der Menschen: „Ich denke nicht, dass ich den Mut hätte, weiter zu demonstrieren, wenn schon alle von meinen Freunden verhaftet und weggebracht worden sind.“ Sie hofft, dass die Leute nicht aufgeben, befürchtet aber, dass die Proteste früher oder später zum Erliegen kommen, wenn die Regierung weiterhin so kompromisslos agiert. Das heißt aber nicht, dass es dann vorbei ist: „Die Menschen ändern nicht von einem auf den anderen Tag ihre Denkweise! Langsam wird es sich immer mehr ausweiten. Wenn nicht jetzt etwas geschieht, dann sicher in den nächsten Jahrzehnten“, ist die 20-Jährige überzeugt.

Das Recht auf freie Meinung


Spannend war die Ausreise. Eva, die Journalismus und Medienmanagement studiert, hatte während ihres Aufenthaltes unter ihrem echten Namen viel gebloggt und getwittert. Trotz der ungewöhnlich langen Passkontrolle ging aber alles gut. Wieder zurück in Österreich wurde ihr bewusst, wie gut es ist, in einem Land mit Meinungs- und Pressefreiheit zu leben, wo man keine Angst haben muss, dass etwas passiert, wenn man sich gegen die Regierung äußert.

Konflikt mit Vorgeschichte


Recep Tayyip Erdogan ist seit 2003 Ministerpräsident der Türkei. Seine Regierungszeit ist sehr ambivalent: Einerseits wurden vor allem zu Beginn demokratische Rechte und individuelle Freiheiten ausgeweitet und eine Annäherung an die EU gefördert, andererseits sind spätestens seit 2011 zunehmend autoritäre Züge, eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit und eine unverhältnismäßig starke Propagierung des Islams bemerkbar.
Die derzeitigen Proteste wurden durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst, unter anderem durch die geplante Verbauung des Gezi-Parks, ­einer Grünfläche in der Innenstadt von Istanbul. Am 27. Mai 2013 rückten erste Baufahrzeuge im Park vor. Aktivisten versuchten sie aufzuhalten, wodurch es zu Zusammenstößen kam, bei denen die Polizei mit unverhältnismäßiger Härte vorging. Daraufhin versammelten sich mehr und mehr Menschen im Park und am Taksim-Platz. Am 31. Mai sperrte die Polizei das Gebiet ab und vertrieb die Demonstranten mit Tränengas, Pfeffer­spray und Wasser­werfern. Zahlreiche Menschen wurden verletzt. In den nächsten zwei Wochen spitzte sich die Lage zu, bis am 15. Juni der Gezi-Park gewaltsam geräumt wurde. Die Proteste und Zusammenstöße gingen jedoch weiter, auch in anderen türkischen Städten. Bis jetzt hat noch keine zufriedenstellende Annäherung stattgefunden.
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