Anna Schörgenhumer kann es kaum glauben, dass Wirklichkeit wurde, worauf sie acht Jahre lang hingearbeitet und gehofft hat: Sylvester Zeno, ein Christ aus Pakistan, der unschuldig im Gefängnis saß, ist frei.
Der Lehrer Sylvester Zeno aus der ostpakistanischen Stadt Quetta verliebt sich in die Muslima Palwasha Nargis. Damit nahm die Katastrophe ihren Anfang. In Pakistan ist es für Christen lebensgefährlich, wenn sie mit Muslimen eine Beziehung eingehen. Das junge Paar brennt durch, wurde aber auf Betreiben der Familie der Frau von der Polizei gesucht und nach wenigen Wochen gefunden. Da aber selbst in der Islamischen Republik Pakistan jeder Straftatbestand fehlte, nimmt sich kein Gericht des Falls an. Schließlich erklärt sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen ein Anti-Terror-Gericht zuständig und verurteilt Sylvester 2002 zum Tod. Seine Geliebte wurde von ihrer Familie unter Druck gesetzt, gegen ihn auszusagen. Sie stellte so die Familienehre wieder her und rettete damit ihr eigenes Leben. Der Lepraärztin Ruth Pfau ist es zu verdanken, dass das Todesurteil in eine 32-jährige Haftstrafe umgewandelt und der Fall in Europa bekannt wurde.
Kontakt als Lebensversicherung
Durch ihre Mitarbeit bei Amnesty International und CSI (Christian Solidarity International) wurde Anna Schörgenhumer aus Linz auf das Schicksal von Sylvester Zeno aufmerksam. Beim Amnesty-Adventmarkt 2005 im Pastoralamt Linz hat sie eine Postkartenaktion für ihn durchgeführt. Zu ihrer eigenen Überraschung kam schon zu Jahresbeginn Antwort. Sylvester bedankte sich überschwänglich für die vielen Weihnachtsgrüße. Das war die erste von vielen weiteren Aktionen, die Schörgenhumer initiierte. Sie hat selbst geschrieben und ließ unterschreiben, unterstützte Petitionen, hat immer wieder kleinere Geldbeträge geschickt und sogar bei der pakistanischen Botschaft in Wien vorgesprochen. „Wir haben auch viel für Sylvester gebetet“, sagt sie. Das konnte er brauchen. Sein Leben im Gefängnis war die Hölle. Zellengenossen haben ihn mit Messern attackiert, sodass er monatelang im Krankenhaus war. Vermutlich weil er in Kontakt mit Europa stand, erhielt er erträglichere Haftbedingungen.
Christlicher Auftrag
„Die acht Jahre waren wirklich mühsam“, resümiert Schörgenhumer. Probleme mit der englischen Sprache führten oft zu Missverständnissen zwischen ihr und Sylvester, was sie für ihn leisten kann und was nicht. „Aber ich bin zäh und ich war überzeugt, dass er freikommen wird.“ Als sie am 3. Juli 2013 – zwei Tage, nachdem er entlassen wurde, einen Anruf von Sylvester bekam, war sie überglücklich. Wenn man ihr zu diesem Erfolg gratuliert, wehrt sie bescheiden ab und betont, dass viele Menschen ihren Beitrag geleistet haben: angefangen von der Unterschrift unter eine vorbereitete Karte über CSI-Gruppen in Niederösterreich bis hin zu Rechtsanwälten vor Ort in Pakistan. „Was ich getan habe, ist mein christlicher Auftrag. Ich fühle mich nur als Werkzeug.“
Zur Sache
Pakistan
Bevölkerung. In Pakistan leben 185 Mio Menschen, davon sind 96 % Muslime, etwa 2 % Christen.
Blasphemiegesetz. Das größte Hindernis für ein friedliches Zusammenleben der Religionen in Pakistan ist das Blasphemiegesetz. Koran-Schändungen und die Verletzung religiöser Gefühle bedeuten mehrjährige bis lebenslange Haft. Die Beleidigung des Propheten Mohammed wird sogar mit dem Tod bestraft. Die Verfassung garantiert zwar Religionsfreiheit, aber in der Realität wird das Blasphemiegesetz verwendet, um religiöse Minderheiten zu diskriminieren.
Extremisten. In den Stammesgebieten im Nordwesten des Landes, an der Grenze zu Afghanistan, hat die Regierung nur begrenzten Einfluss. Hier haben islamische Extremisten wie die Taliban das Sagen.
Islam. Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan zum ersten islamischen Staat der Welt. Der Präsident muss ebenfalls Muslim sein.
Von Tradition geprägt. Pater Günther Ecklbauer OMI aus St. Marien bei Linz war von 2006 bis 2012 in der Provinz Punjab als Pfarrer im Einsatz. „Pakistan ist kein Land voller Terroristen. Die überwiegende Mehrzahl der Muslime will mit den Christen auch friedlich leben. Das größere Problem ist die noch vom Kastendenken geprägte Mentalität“, so P. Ecklbauer.