Ordnung, wird manchmal behauptet, sei das halbe Leben. Zu viel Ordnung ist ein armes Leben. Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/35, Ordnung,
27.08.2013
- Matthäus Fellinger
Ordnung, wird manchmal behauptet, sei das halbe Leben. Für viele ist es tatsächlich so: Solange sie alles schön übersichtlich beisammen haben, sind sie auch mit ihrem Leben zufrieden. Da findet man sich eben leichter zurecht, ohne langes Suchen nach Dingen, die man dann doch nicht findet. Wer Urlaubstage damit verbracht hat, den Ballast der eigenen Lebensgeschichte in selten benutzten Laden wieder in Ordnung zu bringen, ist vielleicht auf das eine oder andere gestoßen, das er lange vergessen glaubte. Da ist es nur gut, dass damals nicht alles dem Ordnungstrieb zum Opfer gefallen ist. Es wäre ein armes Leben, würde die Ordnung davon schon die Hälfte ausmachen. Die Überraschungen befinden sich eher in verborgenen, den unübersichtlichen Winkeln des Lebens. Es braucht auch den Mut, manches ungeordnet zu belassen. Ein Wald, in dem die Bäume streng in Reih und Glied stehen, in gut überschaubarer Ordnung, ist vielleicht leichter zu bewirtschaften, aber er ist auch anfälliger für Sturm und Schädlinge – und vor allem: er birgt keine Geheimnisse. Er oder sie ist schon in Ordnung, sagt man von Menschen. Man meint damit eher solche, die sich stören lassen, weil Ordnung für sie nicht alles bedeutet.