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Getreide zum Heizen?

Technisch kein Problem – aber wie sieht es mit der Moral aus?
Ausgabe: 2002/16, Getreide, Heizen, Kletzmayr, Jauschnegg, Riedl, Hunger, Mühlviertel, Bauer, Landwirtschaft
16.04.2002
- Matthäus Fellinger
Die letzten Felder für das Erntejahr 2002 werden bestellt. Wird auf den Feldern bald Getreide zum Heizen statt zum Essen wachsen?

Auftragnummer 44 108-2/01. Unter dieser Nummer hat die „TÜV Bayern Landesgesellschaft Österreich“ auf Antrag der Linzer Firma TGV Ges.m.b.H. einen Typenschein für einen „Heizkessel für feste Brennstoffe mit automatisch beschickter Feuerung ausgestellt“. Das besondere an diesem von einer dänischen Firma gelieferten Kessel: Er wird mit Getreide betrieben. Bestätigt wurde laut Typenprüfung nur, dass europäische Grenzwerte eingehalten werden. Für Österreich – so Dr. Rudolf Kunesch von der Bayern Landesgesellschaft – gibt es noch keine Normen.

Trotzdem wird auch in österreichischen Brennkesseln schon mit Getreide geheizt. Zwei Anlagen wurden beispielsweise von einem Installationsbetrieb bei Amstetten im Vorjahr installiert. Ein Installationsbetrieb in Königswiesen bietet die Getreideheizung an. Auch im Burgenland gibt es Installationsbetriebe, die Getreideheizungen vertreiben.

„In Zeiten hoher Energiepreise ist das Getreide eine interessante Alternative“, wirbt die Linzer „TGV Ges.m.b.H. um Kunden für ihre Heizanlagen aus Dänemark. Der hohe Heizwert von Getreide lasse es als kostengünstige Alternative vor allem für Landwirte erscheinen. Kurt Gruber von der TGV-Linz versichert allerdings: „Derzeit kann nur mit ,Energiegetreide’ geheizt werden. Seit 1991 gibt es für den Anbau von Energiegetreide – das sind eiweißarme Sorten – sogar europäische Fördermittel. Der hohe Eiweißanteil von Lebenmittelgetreide würde beim Verbrennen Probleme machen.

Ein gefährliches Signal


Klar nimmt der Linzer Moraltheologe Dr. Alfons Riedl Stellung: „In Zeiten, in denen der Hunger in der Welt ein Problem, ja ein Skandal ist, ist das ein falsches Signal, ein Widerspruch“, meint Professor Riedl. Einerseits hat der Mensch technische Höchstleist-ungen vollbracht, andererseits ist es nicht gelungen, wirtschaftliche Gerechtigkeit auf der Welt zu schaffen. „Ich denke, da müssen und können Alternativen gefunden werden!“ Auch wenn man Getreide nicht einfach überall hin transportieren kann, so wäre das Verheizen von Getreide global ein gefährliches Signal.

Getreide als Brennstoff kommt in gesetzlichen Bestimmungen in Österreich nicht vor, macht Dipl.-Ing. Dr. Horst Jauschnegg aufmerksam. Als Referent für Energie und Biomasse an der Landwirtschaftskammer in der Steiermark, zeigt er diese Gesetzeslücke auf. Der Gesetzgeber werde handeln müssen.

Es gibt – so Jauschnegg – noch keine technisch wirklich ausgereiften Systeme, aber das sei eine Frage der Zeit. Rein von den Kos-ten her gesehen könne die Nutzung von Getreide in landwirtschaftlichen Betrieben „wirtschaftlich“ sein, und zwar für mittlere und größere Anlagen. Für den Einsatz in Einfamilienhäusern wäre die Getreideheizung nicht so konkurrenzfähig. Auch für Jauschnegg käme das Verheizen von lebensmitteltauglichem Getreide nicht infrage. Bei für den Verzehr ungeeignetem Getreide sieht er die Sache anders. Das könnten zum Beispiel „Tridikale“, eine Kreuzung aus Roggen und Weizen sein, die höchstens als Futtermittel tauglich ist.

Das „Ökosoziale Forum Österreich“ versucht alternative Biomasse als Energieträger schmackhaft zu machen. Als „gespeicherte Sonnenenergie“ gibt sie beim Verbrennen nicht mehr CO2 ab, als zuvor von den Pflanzen aufgenomen wurde. Lange Transportwege entfallen. Neben Hackgut, Sägespänen oder Pellets werden auch Stroh, Schalen von Sonnenblumenkernen oder nachhaltig angebaute Energiepflanzen empfohlen. Getreide findet sich nicht darunter.


ZUR SACHE


Unter Umständen


Landwirtschaftskammer-Präsident Mag. Hans Kletzmayr kann sich vorstellen, dass es in Zukunft „unter Umständen sinnvoll sein kann, Getreide auch für Energiezwecke zu nutzen“, sofern dadurch niemand zusätzlich hungern muss. „Und das ist in Europa nicht der Fall.“ Insgesamt spricht er sich für eine intensivere Nutzung der Biomasse als Energieträger aus. Derzeit, so Kletzmayr, ist das ganze nur ein Denkansatz. Die Eigenversorgung mit Biomasse hätte gegen die rasch wachsenden Engpässe bei fossilen Brennstoffen Vorteile.


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