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Sie nannten ihn „Papa“

Vor 60 Jahren wurde Dr. Johann Gruber im Lager Gusen ermordet
Ausgabe: 2004/15, Priester, Gusen, Lagerleiter,
06.04.2004
- Matthäus Fellinger
Am Karfreitag 1944 ermordete Lagerleiter Fritz Seidler den oberösterreichischen Priester Johann Gruber.

Eine durch und durch kantige und zugleich eindrucksvolle Persönlichkeit. So stellt sich das Leben des 1889 in Grieskirchen geborenen Priesters Johann Gruber dar. Am Karfreitag, 7. April 1944 wurde Gruber im Lager Gusen ermordet. Lagerleiter Fritz Seidler persönlich hat den Priester nach schweren Misshandlungen brutal ermordet – aus Wut darüber, dass er selbst durch das im Lager von Gruber aufgebaute Hilfswerk für Gefangene bei der GESTAPO in Schwierigkeiten gekommen war. Den Leichnam des Ermordeten hängte man an einen Baum. „Freitod durch Erhängen“ wurde als Todesursache angegeben.

Der Linzer Kirchenhistoriker Dr. Helmut Wagner hat im Auftrag von Bischof Maximilian Aichern des Leben und die Umstände, die zu seiner Ermordung geführt haben, erforscht. Noch im Frühjahr wird er die Ergebnisse vorlegen. Die Frage nach einem Seligsprechungsprozess steht im Raum. Ein Nachdenkprozess – so Wagner – ist auf alle Fälle wichtig.

Vor allem junge französische Gefangene nannten ihn „Papa Gruber“. Als Leiter des Lagermuseums und archäologischer Ausgrabungen hatte er auch Kontakt mit der Außenwelt bis Wien. Niedrige SS-Rängen waren offensichtlich eingeweiht.
Gruber besorgte Medikamente und Nahrung. Die legendäre „Gruber-Suppe“ hat hunderten jungen Gefangenen das Leben gerettet. Ein Brief Grubers, den dieser über den späteren Bischof Franz Zauner Bischof Gföllner zukommen lassen wollte, blieb in einer Straßenbahn liegen. Darin schilderte er, wie es im Lager zuging. Jetzt verfolgte die GESTAPO Gruber.

Schon als Zehnjähriger war Johann Gruber zum Waisen geworden, als kurz nacheinander seine Eltern starben. Der Bub wusste sich in einer Art Vaterrolle schon damals von nun an verantwortlich für die drei jüngeren Geschwister.
Dechant Georg Wagnleithner von Grieskirchen nahm sich seiner an und ermöglichte ihm das Studium am Petrinum und das Theologiestudium. Bischof Gföllner schickte den jungen Gruber zum Studium für Geografie und Geschichte nach Wien. Mit den damals revolutionären Aufbrüchen einer neuen Pädagogik kam er zurück nach Linz. Hier wurde Gruber schließlich Pädagoge und Lehrer.

Zeitweise unterrichtete er an sechs Schulen. Im Katholischen Waisenhaus wurde er Hausdirektor, später wurde er zum Direktor des Blindeninstitutes. Im Lehrkörper und bei den Kreuzschwestern, bei denen er ebenfalls unterrichtete, stießen seine modernen Methoden auf Widerspruch. Bischof Gföllner bemühte sich, den Konflikt zu lösen. Da kamder „Anschluss“ vom März 1938 dazwischen.
Gruber hatte nie ein Hehl aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus gemacht. Einzelne Schüler waren jedoch vom nationalsozialistischen Gedankengut infiltriert. Ihre „Zeugenaussagen“ führten schließlich nach einer Anzeige durch den hauseigenen Oberlehrer Josef Baumgartner zur Verhaftung. Gruber wurde zunächst zu drei, nach einer Berufung zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Vorgeworfen wurden ihm „reichschädigende“ Äußerungen und sittliche Verfehlungen an Mädchen der Anstalt. Noch lebende Zeuginnen, die von Helmut Wagner befragt wurden, wissen nichts von solchen Verfehlungen. Wie sie Gruber kannten wäre so etwas für sie ganz und gar unvorstellbar gewesen. Sie vermuten, dass diese Vorwürfe Gruber unterschoben wurden.

Das lange Schweigen

Dass das Schicksal Grubers nach dem Krieg lange Zeit im Dunkeln blieb, lag vermutlich, so Dr. Wagner, in einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber KZ-Gefangenen. Unter Kriegsheimkehrern war die Kommunikation sicher leichter als zwischen Soldaten und Heimkehrern aus den Konzentrationslagern. Dass Gruber auch vor seinen Problemen mit den Nationalsozialisten keine „einfache“ Person war, mag ein weiterer Grund gewesen sein. Schließlich wird auch der Vorwurf eines Sittlichkeitsdelikts noch nachgewirkt haben.

Die „Rehabilitierung“ wurde von jenen angeregt, die Gruber im Konzentrationslager erlebt hatten. Erst im Jahr 1998 hob das Landesgericht Linz das Urteil hinsichtlich der politischen Vergehen auf. Seit 20. Dezember 2001 erinnert im Institut für Hör- und Sehbildung eine Gedenktafel an den Martyrer.
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