Ausgabe: 2005, Mar Nasrallah Boutros Sfeir, Libanon, Patriarch, Kardinal
09.03.2005
- Walter Achleitner
Jahrelang hat Mar Nasrallah Boutros Sfeir ausgesprochen, was sich im Libanon niemand zu sagen gewagt hat.
Gegenüber seinen Besuchern in Bkerké, dem Sitz des Oberhauptes der Maroniten in den Bergen vor den Toren Beiruts, hat Nasrallah Boutros Sfeir nie ein Geheimnis aus seiner Überzeugung gemacht: Der Libanon ist ein besetztes Land und die Regierung nicht selbständig. Besonders seit Israel im Mai 2000 den Süden räumte, fordert der bald 85-jährige Patriarch von Antiochien: Syrien muss Armee und Geheimdienste abziehen. Angesichts allgegenwärtiger syrischer Panzer wagte das im Zedernstaat bis vor kurzem kaum jemand auszusprechen. Vielmehr galt es schon als mutig, wenn Sfeir nach Auslandsreisen, auf denen er für die Unabhängigkeit und Freiheit des Landes geworben hatte, am Flughafen von Zehntausenden begeistert empfangen worden war. Unbeugsam wie ein Fels – der 1986 Gewählte nennt sich wie alle seine Vorgänger Petrus (Boutros) – war er auch 2001, als der Papst Syrien besuchte.
Aus Vorsicht, Sfeirs Kommen werde als Ende seiner Opposition gewertet, blieb er in Bkerké und hoffte auf Nachsicht bei dem um drei Tage jüngeren Papst. Denn er hatte den 76. Patriarchen zum erst dritten Kardinal in der mit Rom stets verbundenen Kirche erhoben. Und in der Libanon-Synode, als es 1995 um die Zukunft des Landes nach 14 Jahren Bürgerkrieg ging, führte das Oberhaupt der weltweit sechs Millionen Maroniten den Vorsitz in Vertretung des Papstes.„Wenn es extremistisch ist, die Unabhängigkeit und Freiheit des Libanon zu verteidigen, dann bin ich ein Extremist.“