Trotz aller Mühsal möchte Gabriele Kernecker wieder helfen
Ausgabe: 2005/13, Kernecker, Cochabamba, Bolivien, Hilfe
30.03.2005
- Judith Moser-Hofstadler
Gabriele Kernecker hat sich eine Karenz aus dem Berufsleben geleistet und Kindern in Cochabamba, Bolivien, ihre Zeit geschenkt.
„Es war schon immer der Wunsch da, dass ich das mache“, erinnert sich Gabriele Kernecker. Vor einem Jahr hat alles gepasst. In der Apotheke, in der sie gearbeitet hat, hat es ihr „nicht mehr so Spaß gemacht“. Acht Wochen nach der Kündigung hat sie die Zusage erhalten, dass sie nach Bolivien fliegen kann.
Die 26-Jährige hat ihren Arbeitseinsatz in einem Kinderheim selbst organisiert. Geholfen hat ihr eine Freundin, die schon einen solchen Einsatz geleistet hat. Den gesamten Aufenthalt, Flug, Versicherungen, Impfungen, ... hat sie selbst bezahlt, genauso den Sprachlehrer, den sie in Cochabamba besucht hat.
Allein in fremder Kultur
Am schwierigsten waren für Kernecker die ersten Wochen. Sie hat die Sprache nicht verstanden und niemanden gekannt. Die Armut und die andere Mentalität waren schwierig zu verkraften.Gabriele Kernecker hat in einem Kinderheim in Cochabamba, der drittgrößten Stadt Boliviens, gearbeitet. Am wohlsten hat sie sich im Säuglingsraum gefühlt. Die Kinder werden meist neben der Straße gefunden. Die Aufgaben von Gabriele: den größeren Babys essen lernen und sie aufpäppeln, Babys baden, wickeln, füttern, immer wieder kranke Kinder betreuen. Im Saal waren etwa 30 Babys untergebracht. Für sie arbeiteten zwei Angestellte und ein oder zwei „Volontarias“, freiwillige Helferinnen – meist war Gabriele Kernecker alleine dort. Ein Arbeitstag dauerte sieben bis zehn Stunden. Die Organisation „Amanecer“ (= Sonnenaufgang) wurde 1981 von einer Nonne aus Kanada gegründet. Nicht nur Kinder werden betreut, sondern auch Frauen und Jugendliche, die misshandelt wurden oder verwahrlost auf der Straße gefunden werden. Ganze Familien werden unterstützt, wenn zum Beispiel die Eltern von Drogen wegkommen möchten. Gabriele Kernecker hat auch die Armut im Hochland erlebt. Mit einer Missionarin hat sie dort Hilfsgüter verteilt.Gewohnt hat die „Volontaria“ bei einer Frau im reicheren Viertel der Stadt. Arm und Reich treffen dort direkt aufeinander. Eine Hausangestellte hat draußen essen und dort ein eigenes Bad und WC benutzen müssen, sie hat sich im Haus auf keinen Stuhl setzen dürfen. Die Eltern haben die 15-Jährige zum Arbeiten in die Stadt geschickt. Sie selbst hat erzählt, dass sie mit dem Geld den Schulabschluss finanzieren möchte. Mit der Vermieterin und deren Kindern hat Kernecker nicht über die Armut im Land reden können. Für sie waren die Armen „das andere Volk“, das froh sein müsste, dass es bei den Reichen arbeiten darf.
Erfüllende Arbeit
Was Gabriele Kernecker in Cochabamba auch gesehen hat, ist Kriminalität. Nach einem halben Jahr ist die 26-Jährige wieder heimgekommen. „Meine Wertschätzung ist eine ganz andere geworden“, sagt sie. Für sie war die Aufgabe in Bolivien so erfüllend, dass sie wieder nach Cochabamba fliegen möchte – sobald sie genug Geld dafür verdient hat und wenn möglich mit einer Organisation, damit es nicht wieder so teuer wird.
„Bei uns sieht man so viel Frustration“, meint Gabriele. „Hier arbeiten die Menschen, um viel zu besitzen, in Bolivien arbeiten die meisten, um leben zu können.“Wenn Gabriele besonders geschafft war und kaum einen Ausweg gesehen hat, hat ihr Psalm 23 geholfen: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“