Johannes Paul II. wollte auf Aspekte jenes Geheimnisses hinweisen, das er selber geglaubt hat
Ausgabe: 2005/14, Papst Johannes Paul II., Pontifex aus Polen, Karol Wojtyla
06.04.2005
Er hat Rekorde gebrochen und mit starken Zeichen Grenzen überschritten, die lange als unüberwindbar galten. Dabei ist es Johannes Paul II. in seinen 26 Papst-Jahren vor allem um den Menschen gegangen, dem sich Gott für immer verbunden hat.
Mit 26 Jahren, 5 Monaten und 16 Tagen geht die Amtszeit von Johannes Paul II. als die zweitlängste in die Kirchengeschichte ein. Es war ein Pontifikat, das alle Rahmen gesprengt hat. Und dennoch gibt es einen Brennpunkt, der alles zu bündeln scheint: der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen vereinigt. Das ist für Papst Johannes Paul II. geradezu eine Kurzformel seines Glaubens geworden. Dieses Bekenntnis – der Konzilskonstitution „Freude und Hoffnung“ (Gaudium et spes) entnommen – strukturierte sein Handeln und sein Leiden. Als Erzbischof von Krakau hat Karol Wojtyla am II. Vatikanischen Konzil teilgenommen. Und er hatte sich vor allem für das Zustandekommen von „Freude und Hoffnung“, des Textes über die Kirche in der Welt von heute, eingesetzt, genauso wie für das Dekret über die Religionsfreiheit.
Diese beiden wohl revolutionärsten kirchlichen Dokumente des 20. Jahrhunderts sind Glaubenstexte. Man muss sie nur lesen vom Menschenbild, das ihnen zugrunde liegt. Demnach ist jeder Mensch ein Beziehungswesen – eine Person –, und dies nur deswegen, weil Gott selber auf vielfältige Weise diese Beziehung stiftet und sie auch selber erhält. Als Person hat der Mensch unveräußerliche Rechte – vor allem das Recht auf Leben, und zwar menschenwürdiges Leben! Person, Wahrheit und Freiheit bilden in diesem Glauben keine Gegensätze. Sie sind ständig aufeinander zu beziehen. Nur weil der Mensch Gott gehört, nicht aber weil er ein autonomes Subjekt ist, bleibt er auch gewappnet gegen den Missbrauch: durch die Diktatoren und die Moden des Marktes, durch die Kirche und nicht zuletzt durch sich selber! Denn auch vor sich selber muss der Mensch geschützt werden. Diese Botschaft ist unter den gerade erwachsen gewordenen Katholiken unserer Breitengrade auf größtes Unverständnis gestoßen. Sie träumen ja immer noch den Traum der „68er“ von einer neuen, tragfähigen solidarischen Lebenskultur und übersehen gerne, dass der Traum nach und nach die Konturen eines gewaltsamen Albtraums annimmt. Die explosive Befreiung aus den Bindungen und die Entfesselung aller nur denkbaren Begierden geht ja keineswegs Hand in Hand mit der Geburtsstunde des autonomen Subjekts. Was da geboren wird, ist höchstens ein Konsumwesen, egoistisch und gewalttätig. Der Kardinal von Krakau sah im christlichen Personalismus den besten Schutz gegen die totalitäre Ideologie der Kommunisten, die den Menschen zum Subjekt der Arbeit und des Staates reduzieren wollten. Als neu gewählter Papst rief er dieselbe Botschaft der ganzen Welt zu. Und auf seiner ersten Pilgerreise nach Polen hat Johannes Paul II. dann der Welt deren politische Kraft vor Augen geführt.
Nach dem Sturz des Kommunismus wandte sich der Papst mit derselben Vehemenz gegen die „Kultur des Todes“, wie sie sich in der Form eines grenzenlos entfesselten Kapitalismus über die Welt ausbreitet und die Menschen zu isolierten Konsumwesen verwandelt. Jene Katholiken, die den Traum des bürgerlichen Individuums als den Inbegriff der Katholizität zu retten suchen, stolperten über den Papst, selbst dann wenn sie ihm zujubelten. Und sie stolperten über seine Soziallehre, die sie in der Allianz mit der medialen Öffentlichkeit partout nicht zur Kenntnis nehmen wollten, und sich deswegen auch lieber mit den „Sakristeifragen“ beschäftigten. Sein Personalismus hat Johannes Paul II. dazu inspiriert, alle Grenzen, die Menschen voneinander trennen, sukzessiv zu übersteigen. Aber nicht um sie einzuebnen, wie dies der Liberalismus tut. Sondern weil jede Grenze für ihn eine Herausforderung darstellte: sich der Frage nach der Größe des Geheimnisses der Menschwerdung Christi zu stellen. So hat Johannes Paul II. in den Gläubigen anderer Konfessionen und anderer Religionen, ja in den Atheisten zuerst Personen gesehen. Genauso wie er dieselbe personale Würde jedem Kind und Jugendlichen, dem alten und gebrechlichen Menschen, der Nonne und dem Rechtsbrecher zu bezeugen suchte. Sein Personalismus inspirierte die atemberaubenden Schritte dieses Pontifikats: den Schritt in die jüdische Synagoge und in die Moschee, das Gebet in Yad Vashem, dem Ort der Erinnerung an Millionen von den Nationalsozialisten getöteten Juden, das Schuldbekenntnis der Kirche im Heiligen Jahr 2000. Aber auch seine kompromisslose Sprache dem ökonomistischen Liberalismus gegenüber. Sein Personalismus machte aus ihm jenen katholischen Papst, der jahrzehntelang eine der wichtigsten Ikonen der medialen Welt war. Auch die Darstellung seines Amtes in der Öffentlichkeit lässt sich von seinem Glauben nicht lostrennen. Weil Johannes Paul II. im Glauben überzeugt war, dass Christus sich mit ihm selber nicht nur durch Taufe und Firmung, nicht nur durch die Priester- und Bischofsweihe, sondern auch durch die Wahl zum Papst auf je neue Art und Weise verbunden hat, konnte er diese Rollen zum Teil seiner Person werden lassen. Und Karol Wojtyla trug dieses Geheimnis seiner Person zur Schau. Er erregte Ärgernis oder rief Begeisterung hervor bei all jenen, die in ihm nur ein „außergewöhnliches Individuum“ sehen wollten. Immer und immer wieder überraschte der Papst aber, weil er diesen Trugschluss entlarvte. Karol Wojtyla war kein Individuum, sondern eine „durchlässige“ Persönlichkeit. An seinem Leben wollte er nur Aspekte jenes Geheimnisses zeigen, das er selber geglaubt hat. Seine Lebensbegeisterung, seine scharfe Kritik an allen lebensfeindlichen Entwicklungen – von Abtreibung und Euthanasie bis zu Armut und Krieg –und schlussendlich sein Leiden sollten nur auf den hinweisen, der sich mit ihm verbunden hat. Liberale Zeitgenossen regten sich zwar immer wieder darüber auf und sprachen von Anmaßung. Immer wieder mussten wir aber feststellen, dass Johannes Paul II. in seinem Glauben doch „den längeren Atem“ hatte.
Jozef Niewiadomski
Der Pontifex aus Polen
1920 Karol Wojtyla kommt am 18. Mai in Wadowice zur Welt. 1929 Mutter Emilias Tod (13. April) trifft beide Söhne und Vater Karol hart. 1938 Karol studiert in Krakau, beschäftigt sich mit Literatur und spielt Theater. 1940 bis August 1944: Arbeit im Steinbruch und in der Sodafabrik bewahrt ihn vor einer Deportation ins Arbeitslager nach Deutschland. 1942 Beitritt zum illegalen Seminar der Erzdiözese Krakau. Beginn des Theologiestudiums an der im Untergrund tätigen Fakultät. 1946 Priesterweihe am 1. November. Fortsetzung des Studiums in Rom. 1948 Karol Wojtyla kann den Titel „Doktor der Theologie“ formal nicht bekommen, da ihm das Geld fehlt, seine Arbeit zu veröffentlichen. Er kehrt nach Polen zurück. 1953 Das polnische Bildungsministerium lehnt seine Habilitation ab. 1958 Weihe zum Weihbischof von Krakau. 1964 Karol Wojtyla wird zum Erzbischof von Krakau ernannt. 1978 Am 16. Oktober wird Karol Wojtyla zum 265. Nachfolger des Apostels Petrus gewählt: seit 1523 der erste Nichtitaliener auf dem Heiligen Stuhl. Als Papstnamen wählt er Johannes Paul II. – eine Hommage an seinen nur 33 Tage amtierenden Vorgänger. 1979 In „Der Erlöser der Menschen“, die erste seiner 14 Enzykliken wird am 4. März veröffentlicht, fordert der Papst die weltweite Verwirklichung der Menschenrechte und die Achtung der Religions- und Gewissensfreiheit.Erstmals besucht er als Papst seine Heimat Polen. Mit der Unterstützung für die 1980 gegründete Gewerkschaft „Solidarnosc“ beeinflusst er maßgeblich den Zusammenbruch des Kommunismus. 1981 Am 13. Mai wird der Papst bei einem Attentat auf dem Petersplatz schwer verletzt. Zwei Jahre später besucht das Opfer den zu lebenslanger Haft verurteilten Ali Agca im Gefängnis und erwirkt dessen Begnadigung im Heiligen Jahr 2000. 1983 Ein neues Kirchenrecht tritt in Kraft. Als erster Papst besucht Johannes Paul II. ein protestantisches Gotteshaus. 1986 Am 13. April besucht ein Papst erstmals eine jüdische Synagoge.Auf seine Initiative hin treffen sich am 27. Oktober in Assisi die Vertreter der Weltreligionen zum Friedensgebet. 1989 Michail Gorbatschow im Vatikan. 1992 Galileo Galilei, 1632 von der Inquisition verurteilt, wird rehabilitiert.Der Weltkatechismus wird vorgestellt. 1994 Der Papst bestätigt die endgültige Ablehnung der katholischen Kirche, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. 2000 Im Heiligen Jahr besucht Johannes Paul II. das Heilige Land und versichert, „dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass und die Verfolgung, die jemals gegen Juden von Christen verübt wurden“.Zuvor, am 12. März, hatte erstmals ein Papst ein umfassendes „Mea culpa“ für die Fehler und Sünden von Christen in den zurückliegenden 2000 Jahren ausgesprochen. 2001 Erstmals besucht ein Papst eine Moschee (in Syriens Hauptstadt Damaskus). 2002 Der vierte, „lichtreiche“ Rosenkranz wird eingeführt. 2003 Wie bereits 1991 setzt sich der Papst entschieden gegen den Irak-Krieg ein.Im Rahmen der Feiern zum 25. Jahrestag seiner Papstwahl spricht er Mutter Teresa von Kalkutta selig. 2004 Seine 104. und letzte Auslandsreise führt zum „Ziel meiner Pilgerschaft“ – in den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes. Erschöpft lässt er verlesen: „Ich teile mit euch einen Lebensabschnitt, der vom körperlichen Leiden geprägt, aber im Plan Gottes dennoch nicht weniger wertvoll ist.“ wa