Ausgabe: 2005/16, Kopf der Woche, Papstwahl, Estévez
20.04.2005
- Walter Achleitner
Nachdem weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle die erfolgte Papstwahl anzeigte, lag es an Jorge Arturo Medina Estévez, der Welt die „freudige Botschaft“ zu verkünden.
Eine Entscheidung sozusagen in letzter Minute hat Jorge Arturo Medina Estévez in die Mittelloggia des Petersdomes gebracht. Kurz bevor am 25. Februar Johannes Paul II. zum Luftröhrenschnitt in die Gemelli-Klinik eingeliefert werden musste, hatte der Papst noch die drei ältesten Kardinal-diakone zu Kardinalpriestern erhoben. Somit war der 78-jährige Estévez Dienstältester im untersten Rang der dreistufigen Kardinalshierarchie: Protodiakon, wie es offiziell heißt. Und dieser erweckt vor allem in einer Situation das Interesse der Öffentlichkeit. Ihm oblag es, nachdem die Kardinäle den Papst gewählt und dieses mit weißem Rauch aus der Sixtina angezeigt hatten, der Welt die Namen Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. bekannt zu geben.
Die Begeisterung, die sein „Ich verkünde Euch eine große Freude: Wir haben einen Papst“ auslöste, hat der Chilene noch nie in seinen neun römischen Jahren erregt. Als Präfekt (bis Oktober 2002) für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung zuständig, sorgten Texte seiner Kongregation vielmehr für Kontroversen. Ihm scheint, so ein Insider, sogar manches von dem noch dubios zu sein, was der Zeremoniär des Papstes, Piero Marini, in liturgische Abläufe einbezieht. Und in Chile steckt er, dem ein Naheverhältnis zu Ex-Diktator Pinochet nachgesagt wird, in der Dauerkrise mit der Regierung, vor allem wegen eines Gesetzes, das Scheidung erlaubt. Dabei rückte der Erzbischof von Santiago, Kardinal Errazuriz, so manche Aussage Medinas aus Rom nachträglich ins rechte Licht.