Fehlt nur noch, dass er genormt auf die Welt kommt. Ansonsten hat sich der moderne Mensch an Normmaße gewöhnt. Wie lang die Gurken sein müssen und wo das Idealgewicht der Kartoffel liegt. Irgendwo ist alles festgeschrieben. Normen erleichtern die Sache. Man weiß, was die Sache wiegt und ab welchem Punkt sich eine Beschwerde lohnt.
Am Dienstag ist Sommer-Sonnenwende. Der längste Tag, die kürzeste Nacht. Zwar hat der Mensch auch, was die Zeit betrifft, Normgrößen eingeführt. Nach Stunden wird Arbeit bezahlt, nach Hundertstelsekunden sportliche Leistung gemessen. Bloß die Zeit selbst hält sich nicht recht daran. Und das ist gut so. Da helfen auch Glühbirnen nichts, die die Nacht zum Tag machen, oder Vorhänge, die den Tag ausblenden.
Einmal mehr, einmal weniger; einmal kurz, ein anderes Mal lang. Viele sehnen sich heute zwar nach Abwechslung, erwarten aber dann doch, dass ihre „Portion“ genau stimmt. Es müsste gelingen, das Leben ein Stück weit so zu nehmen, wie es kommt – dann wären die Menschen glücklicher.
Gläubig leben – das ist Leben mit dem Tag und mit der Nacht. Man hat nicht das Recht auf die ständige Erfüllung der Wünsche mit genormten Portionen an Glück. Trauer und Leid, Glück und Schmerz, Eile und Weile, kurz oder lang. Niemand weiß, wie es kommt. Das Leben in seiner Vielfalt annehmen zu können – auch in den Trockenzeiten – das ist die Kunst.