Ausgabe: 2005/26, Leitartikel, Das andere Reiseziel, Urlaub, Flucht,
01.07.2005
- Matthäus Fellinger
Einmal weg vom Alltag – und möglichst weit weg! Der gegenüber früheren Zeiten doch erheblich größere Wohlstand macht es möglich. Um es im Sommer richtig schön zu haben, buchen Menschen Reiseziele – irgendwo an einem Strand, irgendwo in einer Gegend, in der keine Aufgabe auf einen wartet. So richtig schön scheint die Welt eben doch nur anderswo zu sein. Ein bisschen was von Flucht scheint im Phänomen des Massentourismus zu liegen – Flucht vor den Dingen, die einem daheim über den Kopf wachsen.
Wo liegt mein Reiseziel? Weit weg? Oder eigentlich doch sehr nahe. Wer sein Heil nur in der Zerstreuung der Ferne sucht, sollte sich nicht wundern, wenn er sich dann ziemlich verloren daheim wiederfindet.
Urlaubstage sind wie ein Geschenk. Einmal nicht von den zweit- und drittwichtigsten Angelegenheiten ständig in Anspruch genommen zu sein, um dem Wichtigsten wieder Raum und Zeit zu geben. Wer bin ich? Wer sind die Menschen um mich herum? Was nützt die schönste Gegend, wenn man sich in der Landschaft in der eigenen Seele nicht zurechtfindet – oder das beste Essen, wenn man den Geschmack aneinander verloren hat?
Das eigentliche Reiseziel steht in keinem Prospekt. Es ist auch an keinen Ort gebunden. Selbst bei schlechtem Wetter verliert es nicht an Attraktivität. Es hat mit dem Gesamtziel des eigenen Lebens zu tun. Buchung jederzeit möglich.