Ausgabe: 2005/27, Zur Rettung des Sommerlochs, Leitartikel, Sommerzeit,
07.07.2005
- Walter Achleitner
Der Stau ist das Erste, das einem fehlt. Er hat sich auf die Hauptreiserouten verlagert. In den Büros wird mit halber Besetzung gearbeitet. Obwohl die ganze Wirtschaft gedrosselt läuft, läuft es dennoch – das Leben. Nichts bricht zusammen, weder der Zahlungsverkehr noch die Stromversorgung. Selbst die angeblich wichtigsten Menschen lassen sich vertreten. Es geht auch so.
Das ist das Geheimnis der Sommerzeit – mit wie viel weniger Aufwand alles vonstatten geht. Jetzt ist es gesellschaftlich erlaubt, einmal nicht verfügbar zu sein. Andere können es auch – und nicht schlecht. Man darf es genießen – das Leben im „Sommerloch“. Könnte es genießen – denn Zeitungsleute müssen auf der Hut sein. Unternehmensberater und Medienstrategen haben ihren Brötchengebern eingeredet: Nutze das Sommerloch. Gerade jetzt, wo nichts los ist, sind diensthabende Journalisten froh um jeden Sager, selbst wenn er aus der zweiten und dritten Reihe kommt. Und nicht nur sie: Auch, wer für seine Aktionen wenig öffentliche Aufmerksamkeit wünscht, nutzt das Sommerloch. Unpopuläre Maßnahmen setzt man im Sommerloch. Personalbesetzungen bringt man am besten in dieser Zeit über die Bühne. Da hat man weniger Widerstand.
So muss man auf der Hut sein – gerade im Sommerloch. Handys bleiben eingeschaltet. Es könnte ja . . . Und vorbei ist es mit der schönen Idylle, die man einmal Sommerloch nannte. Ein Gesetz müsste her: Es darf nichts Wichtiges entschieden werden – im Sommerloch.