Ergreifen wollten sie ihn. Das Haus, das er gerade verließ, war beschattet worden. Er war verdächtig, weil er eine für diese Jahreszeit zu dicke Jacke trug. Auch blieb er nicht sofort stehen, als ihn einige Bewaffnete in Zivil dazu aufforderten. Als er am Boden lag, weil er am U-Bahnsteig ausgerutscht war, da war es auch schon passiert. Seine Verfolger hatten ihm mehrfach aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Erst Stunden später wurde am Freitag vergangener Woche bekannt, welch Irrtum einer Londoner Spezialeinheit in der Station Stockwell unterlaufen war – vor allem ein tödlicher für Jean Charles de Menezes. Vielleicht gerade deshalb, weil der 27-jährige Brasilianer in einer Favela in São Paulo gelebt hatte, wo bewaffnete Zivilisten als Gangsterbande betrachtet werden. Der „Zwischenfall“ zeigt aber auch, wie tödlich selbst modernste Fahndungsmethoden wirken können. Vor allem dann, wenn Angst vor neuen Anschlägen die Polizei zum „schnellen Töten“ ermächtigt.
„Ich könnte sehr wütend sein, aber was würde das nützen? Wut zeugt Hass – vergeben wir also“, sagte Marie Fatayi-Williams. Am 7. Juli wurde ihr Sohn Opfer einer tödlichen Bombe in London: „Wie viele Mutterherzen müssen noch verstümmelt werden?“, fragte die Nigerianerin. Beim Trauergottesdienst in der Kathedrale von Westminster stand ihr der unermessliche Schmerz ins Gesicht geschrieben, als ihr 26-jähriger Sohn im Sarg hereingetragen wurde. Marie, die Katholikin, und ihr muslimischer Mann Alan setzen nun ein dauerhaftes Zeichen. Mit der Gündung einer Stiftung für Frieden und Konfliktlösung, benannt nach Sohn Anthony, senden sie eine ergreifende Botschaft des Vergebens aus: „Es ist Zeit, diesen Teufelskreis des Tötens zu durchbrechen.“