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„Wer nicht sehen kann, der wird nicht gesehen“

„Licht“, Barbara Alberts erste Regiearbeit seit 2012, ist ein für das österreichische Filmschaffen ungewöhnliches Werk.
Ausgabe: 2017/45
08.11.2017
- Markus Vorauer
Die Frontalität der ersten Einstellung in Barbara Alberts neuem Film „Licht“ auf Maria Theresia „Resi“ Paradis wirkt aus mehreren Gründen wie ein Schock, aber auch wie ein Versprechen, das – und dies sei vorweggenommen – in den folgenden 95 Minuten eingelöst wird: Da ist zuerst einmal das historische Setting. Die Kostüme, das Interieur, die Schminke, das gesamte Arrangement. Man spürt sofort, dass da ein Filmteam am Werk war, das mit Akribie die Atmosphäre eines Wiener Salons aus dem Jahr 1777 zu schaffen versucht, ohne dabei aber protzig wirken zu wollen.

Außer sich sein


Dann ist da diese Schauspielerin, die ihre Augen auf seltsam ekstatische Weise verdreht, was ihr Außer-sich-Sein während des Spiels auf dem Hammerflügel mit einer Deutlichkeit manifestiert, die fast schon unangenehm wirkt. Maria Dragus wird den Film in weiterer Folge mit ihrer intensiven Performance tragen.

Wie ein Zirkustier


Und dann ist noch das Licht in dieser Sequenz, ein Licht, wie man es im österreichischen Film selten sieht. Christine A. Meier, die Kamerafrau, und ihr Team bringen die vorindustriellen Lichtverhältnisse adäquat ins Bild.
Die Frontalität ist Programm, denn die 17-jährige „Resi“ wird an diesem Abend von ihren Eltern der besseren Wiener Gesellschaft wie ein Zirkustier vorgeführt. Sie ist ein Ausstellungsobjekt dafür, dass man trotz Hässlichkeit Geniales hervorbringen kann. Sie ist blind, wirkt aber so, als würde sie die Musik, die sie spielt, sehen. Die Gesellschaft ekelt sich vor ihr, liebt jedoch ihr kunstvolles Musizieren. Ihr sehnlichster Wunsch ist es aber, sehen zu können: „Wer nicht sehen kann, der wird nicht gesehen. Wer nicht gesehen wird, wird auch nicht gehört. Der lebt nicht.“

Die Welt optisch erarbeiten


Nach zahlreichen medizinischen Fehlbehandlungen vertrauen die Eltern sie dem umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer an, der Methoden anwendet, die für diese Zeit neu waren. Im Haus von Mesmer lernt Resi eine andere Welt kennen: den geduldigen Zugang des Arztes und die Zuneigung der Kammerzofe. Mesmers Methoden erweisen sich nach und nach als erfolgreich, sie beginnt allmählich zu sehen, muss sich allerdings die Welt erst optisch „erarbeiten“. Die Sensation macht sie allerdings wieder zu einem Vorführungsobjekt, denn Mesmer will unbedingt auf akademischer Ebene die Anerkennung seiner Behandlung. Doch mit dem Wiedererlangen des Augenlichts verliert ihr Klavierspielen an Präzision.

Individualität und Gleichschaltung


Drehbuchautorin Kathrin Resetarits hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ (2010) in die Richtung adaptiert, dass sie den Fokus auf das Dilemma der blinden Frau richtet, die weiß, dass sie nur als blinde Musikerin außergewöhnlich ist, gleichzeitig aber sehen will. In Walsers Roman steht eigentlich der Arzt Mesmer im Vordergrund. Barbara Albert hat aus diesem Drehbuch einen mit 4,4 Millionen Euro Gesamtbudget für österreichische Verhältnisse teuren Ausstattungsfilm gedreht, dem man, was vor allem Ausstattung und Lichtsetzung betrifft, das Produktionsetat auch – positiv – ansieht. Inhaltlich ist der Film aber ein Kammerspiel, das den Anspruch einer Frau auf Individualität in einer intriganten gleichgeschalteten Gesellschaft thematisiert. Die wunderbare Sequenz, mit der sie den Film abschließt, eröffnet dem Zuschauer großen Interpretationsspielraum.
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