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Leben als Hausgenossen Gottes

Welche Lebensform ist humaner und entspricht eher dem Mensch-Sein? Ist es die Konsum- und Ellenbogengesellschaft? Oder ist es die Perspektive des „Guten Lebens“, in Einklang mit der Natur und der menschlichen Gemeinschaft?
Ausgabe: 2012/12, Serie, Kräutler, Menschengerecht, Leben
20.03.2012
- Erwin Kräutler
„Welch wunderschöner Bananenhain! Wer hat ihn gepflanzt? Wem gehört er?“, frage ich einen Kayapó-Indio mit dem Blick auf die ­üppig behangenen Stauden ganz in der Nähe des Dorfes. Er lächelt stolz und antwortet: „Wir alle! Er gehört uns!“
Kinder und alte Leute genießen wohl als Erste diese am Xingu so aromatischen Früchte. Beim Anbau haben sie aber sicher nicht nachhaltig mitgeholfen. Trotzdem sagt der Kayapó: „Wir alle haben den Hain gepflanzt!“

Leben im Wir. Immer wieder beeindruckt mich dieses spontane Wir-Bekenntnis der Indios, das sogar über die Stammesgrenzen ­hinausreicht. Alle Indios, auch wenn sie einer anderen Sprachgruppe angehören, verstehen sich als „Verwandte“. Das „Wir“ zu betonen, ist charakteristisch für die indigenen Völker.
Außerhalb des Stammesgefüges verwandelt sich das „Wir“ in ein isoliertes, sich abkapselndes „Ich“. Nicht mehr die Gemeinschaft ist es, die den Indio und seine Familie trägt. Er fühlt sich fremd in der neuen Umgebung, merkt, dass er nicht dazugehört. Auch ruft ihn kaum jemand mehr bei seinem Namen. „Caboclo“ oder „Bugre“, je nach Region, nennen ihn die Leute, verachtend und abweisend. Oft stürzt ihn der Gemeinschaftsverlust und die Entwurzelung in Alkoholismus oder er wird straffällig. Und kein Mensch kommt auf die Idee zu fragen, wer tatsächlich für dieses menschliche Schicksal, ja sogar für einen Völkermord Verantwortung trägt, Schuld auf sich geladen hat und immer noch lädt.  

Vertreibung. Vertreibung von Grund und Boden, beschönigend Umsiedlung genannt, hat für jedes indigene Volk fatale Folgen. Das Land und der Wald, die Flüsse und Seen mit all dem Reichtum, den sie bergen, die Pflanzen und Tiere waren für die Indios nie Waren, die veräußert werden können. Die Schöpfung gehört allen, verlangt Respekt, liebenden Schutz.

Ausbeutung. Für die Wirtschaftsordnung der freien Marktwirtschaft, in der das kaltschnäuzige Prinzip von „Angebot und Nachfrage“ regiert, sind solche Gedanken unrealistisch und illusorisch. Wasser, Land, Luft und Feuer – Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff – sind lukrative Einnahmequellen, die es auszubeuten gilt. Die Grundelemente des Lebens werden zu Handelsgegenständen.

Die Perspektive des „Guten Lebens“. Welche Lebensform ist humaner und entspricht eher dem Mensch-Sein? Ist es die Konsum- und Ellenbogengesellschaft, in der ich die Triebe und Gelüste meines „Ich“ absolut setze und dem Mitmenschen nur dann Recht auf Leben einräume, wenn er produziert und konsumiert, damit die Maschine läuft? Oder ist es die indigene Perspektive des „Bem Viver“, des „Guten Lebens“, in Einklang mit der Natur und der menschlichen Gemeinschaft?

Lebensweisheit. Ist die „Weltanschauung“ der Indios nicht menschlicher? Zeigen die Indios nicht mehr Lebenserfahrung und -weisheit, wenn sie „Wir alle“ sagen und so darauf hinweisen, dass auch Kinder und alte Leute dazugehören, auch wenn sie nicht als Arbeitskräfte eingesetzt werden können? Ist es nicht die bewusst gelebte Gemeinschaftsbezogenheit, die den Menschen erst menschlich macht?

Wie Verwandte und Geschwister. Als Christinnen und Christen verpflichten wir uns dem Evange­lium Gottes und bekennen, dass wir berufen sind „zur Gemeinschaft mit seinem Sohn ­Jesus Christus, unserem Herrn“ (1 Kor 1,9).
Durch die Liebe Jesu Christi sind wir „nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19).
Mitmenschen sind nicht nur Zeitgenossen. Mitmenschen sind Verwandte und Geschwister. Gemeinschaft ist mehr als ein bloßes Zusammenleben in Raum und Zeit. Sie gründet auf Liebe und Mitverantwortung, auf liebevoller Solidarität mit den Schwachen und zärtlicher Sorge, niemanden vom Miteinander auszuschließen und vom Festmahl des ­Lebens zu verdrängen.
Nur auf diese Weise wird das von Jesus verheißene „Gnadenjahr des Herrn“ Wirklichkeit (vgl. Lk 4,18–19). Fastenserie: 5. Teil: Gemeinschaft in Liebe und Mitverantwortung
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