Unter uns: Kindern Märchen vorzulesen schafft Situationen, in denen sie sich ganz schön stark fühlen.
Ausgabe: 2012/44, Märchen, erzählen, Geschichte, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Phantasie,
31.10.2012
- Christine Grüll
Schneewittchen wird umgebracht, Hänsel und Gretel gefangengehalten und das tapfere Schneiderlein mordet Riesen wie die Fliegen. Die Märchen der Gebrüder Grimm zaubern nicht gerade die heile Welt in die Kinderzimmer. Das sehen zumindest Erwachsene so. Aber Kindern Märchen vorzulesen schafft Situationen, in denen sie sich ganz schön stark fühlen.
Märchenstunde: Gerade noch schwiegen unsere Kinder bedrückt, während Hänsel und Gretel im tiefsten Wald herumirrten. Doch die Lebkuchen auf dem Dach des Hexenhäuschens heben die Stimmung bis zur begeisterten Zustimmung, als Gretel die Hexe in den Ofen stößt. Ich überlege, ob ich vor dem nächsten Märchen – Froschkönig, ein Dilemma, wie soll ich die drei Eisenringe auf dem Herzen des Dieners erklären? – einen kurzen Vortrag über gewaltfreies Zusammenleben und Verzeihen halten soll. Die Freude der beiden Kleinen über das Ende der Hexe hält mich davon ab. Mit glänzenden Augen und erschreckender Phantasie malen sie sich aus, was sie selbst mit der bedrohlichen Hexe machen würden. Ich hoffe nicht, dass sie die Methoden, die ihnen dabei so vorschweben, jemals umsetzen. Aber ich hoffe, dass sie die Hexen auch im realen Leben rechtzeitig erkennen.