Wer das Leben spüren will, muss es ganz an sich heranlassen. Das heißt auch etwas herzugeben, was man selbst gerne gehabt hätte. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger
Das Leben spüren! In einer Zeit, in der Menschen sehr in Beschäftigungen verstrickt sind, oder wo sie – im Gegenteil – sich nicht als gefragt erfahren, ist es ein verständlicher Wunsch, das Leben doch richtig zu spüren. Man kann Produkte erwerben oder Kurse buchen, die mit dem Versprechen verbunden sind: Hier spürst du das Leben pur. Man kann es aber auch machen wie der hl. Martin. Er halbierte seinen Mantel. Dabei ist dem Bettler, dem er die eine Hälfte gab, vermutlich notdürftig warm geworden. Martin selbst aber wird es im selben Ausmaß kälter geworden sein. Gespürt haben es beide. Jugendliche, die in ganz Österreich erst vor kurzem bei „72 Stunden ohne Kompromiss“ mitgemacht haben, haben das auch gespürt; viele andere, die sich etwa bei Sozialeinsätzen im In- oder Ausland der Erfahrung von Armut aussetzen, ebenso. Da geht es nicht um bloßes Wohlgefühl. Wer das Leben spüren will, muss es ganz an sich heranlassen – bis man es eben spürt. Nicht nur um das, wovon ohnehin genug da ist, sodass man eine Spende nicht spürt, geht es. Dort spürt man Leben, wo man gibt, was man selber gerne gehabt oder noch gut hätte brauchen können. Es war eine wertvolle Erfahrung sagen viele, die es gewagt haben.