Früher kümmerte sich die Mutter um das kleine Kind, jetzt sind die Rollen getauscht. – Diese Erfahrung machen viele pflegende Angehörige. Auch Rosa Wieser, die ihrer alten Mutter Rosa Dauerböck nun wie eine Mutter ist.
Ausgabe: 2013/19, Mutter, Tochter, Rollentausch, dement, Rosa Wieser, Rosa Dauerböck
08.05.2013
- Ernst Gansinger
Auf der Bank vor dem Haus sitzt schon bald am Vormittag die 89-jährige Rosa Dauerböck. Dass sie das Kleid verkehrt angezogen hat, ist nur ein Zeichen, wie sehr sie Unterstützung braucht. – Wartet sie? Worauf? – Das Leben hat ihr viel genommen: Vor sieben Jahren den Sohn, der bei Holzarbeiten einen tödlichen Unfall hatte. Mit ihm hat sie im Mühlviertel auf einem Bauernhof gewohnt. Das war mit dem Tod des Sohnes schlagartig nicht mehr möglich. Tochter Rosa Wieser hat daher ihre betagte Mutter zu sich ins Haus nahe Steyr genommen. So veränderte sich die Lebenswelt der Mutter von einem Tag auf den anderen.
Brot und Religion.
„Es hat sich verlagert“, erzählt die 60-jährige Rosa Wieser. Sie meint die Aufgabe, sich zu kümmern. Jetzt muss sie ihrer dementen Mutter beistehen, wie es früher die Mutter bei den vier Kindern tat. Sie führte ein Leben voll Arbeit, in das auch die Kinder selbstverständlich einbezogen waren. Arbeit, die Landwirtschaft und die Kirche, die Treue zur Religion waren die vorrangigen Erziehungsziele. Hatte sie einmal nicht Zeit zum Kochen, gab es Brot. „Brot war immer da, es war ihr wichtig. So ist es bis heute geblieben.“ Ein Stückchen Brot ist ihr das größte Geschenk. Auf dem Tisch in Frau Dauerböcks Zimmer liegt unter einem Kuchen-Sturz Brot bereit. Eine Zimmerecke ist als Herrgottswinkel eingerichtet, ausgestattet nicht nur mit einem Kruzifix, sondern mit verschiedenen religiösen Symbolen. Auch ein Bild ihres verunglückten Sohnes ist dort. Aber sie kennt ihn nicht mehr. „Wer bist denn du?“, kann auch die pflegende Tochter manchmal hören.
Verzicht als Lebenseinstellung.
Das Leben war karg, und Verzicht eine Lebenseinstellung. Die Mutter fuhr nie fort, sie war immer am Hof. Erziehung und Beziehung kamen ohne große Gesten aus. Heute aber kann die Tochter, die zehn Stunden in einem Pflegeheim arbeitet, den Vorwurf der Mutter hören – oder ist es Traurigkeit? –, dass sie so allein ist. Tochter Rosa geht es wie vielen Müttern – was sie für die Kinder tun, ist selbstverständlich. Frau Wieser leistet Hilfe, wo die Mutter sich nicht mehr helfen kann, das heißt: waschen, ans Essen erinnern, sauber machen und wieder sauber machen, denn im Handumdrehen ist ein neues Malheur passiert, und auch in der Nacht aufstehen, wenn die Mutter Angstträume plagen. Ein „Danke“ hört sie dabei nicht. Insofern ist der Rollentausch nicht perfekt. Denn Kinder werden zum Danken angehalten. Eine Mutter weiß zudem, dass die Kinder mit der Zeit selbstständiger werden. Die pflegende Tochter weiß, dass die Mutter fortschreitend mehr Unterstützung brauchen wird.
Jetzt und damals.
Gedulds-Prüfungen sind zu bestehen. Mit dementen Menschen im Pflegeheim sei Rosa Wieser geduldiger. Dort ist die Zeit ja auch begrenzt. Daheim hat sie zumindest Rufbereitschaft 24 Stunden am Tag. Wenn wieder einmal ein Sauber-Machen nur für kurze Zeit anhält, wenn die Mutter zum Kirchgang, der ihr so wichtig ist, fertig angezogen ist und sich in der Zeit, in der sich die Tochter startklar macht, wieder auszieht – kann das die Tochter an Geduldsgrenzen bringen. Sie ist froh über die Stütze in ihrer Familie und deren Toleranz und sie weiß auch, dass die 89-jährige Mutter Recht hat, wenn sie entschuldigend sagt: „Ich kenn mich gar nicht aus!“ Sie kennt sich im Jetzt nicht aus. Im Damals ist sie daheim. Da kann sie schwärmen von lustigen Zeiten, vom Tanzen und vom guten Essen. Wie eine Mutter dem Kind zuhört, hört heute Tochter Rosa ihrer Mutter zu, wenn sie von Dingen spricht, die sie aufleben lassen.
Mutter-Tochter-Geschenkabo der KirchenZeitung: Ein Angebot an alle Mütter, die stolz auf ihre Töchter sind.
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