BRIEF_KASTEN
Du musst doch vernünftig sein. Liebende bekommen es so zu hören. Geh mit deiner Liebe nicht zu weit, rät man ihnen, ob es nun um ein Liebespaar oder um „unvernünftige“ Hilfsbereitschaft geht. Liebe und Vernunft werden so wie ein Gegensatzpaar gesehen. Vernunft gegen Liebe lautet das Match.
Dem Glauben ergeht es nicht viel besser als der Liebe. Als ob er der Vernunft entgegenstünde, muss er oft in die zweite Reihe zurücktreten.
„[…] mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ soll man lieben. So steht es bei Matthäus (Mt 22,37). Und sein Evangelisten-Kollege Lukas fügt hinzu: „[…] mit all deinen Kräften“ (Lk 10, 27).
Vielleicht ist das das große Missverständnis: dass Glaube und Liebe wie Sondertalente angesehen werden, irgendwie nicht ganz alltagstauglich. Im Liebesgebot zeigt es Jesus anders: Denken und Lieben gehören zusammen. Vernunft hat nicht nur mit Logik zu tun. Es gibt auch das lieblose Denken. Vielleicht steht hinter der Liebesverweigerung aus Vernunft oft nur die Angst, dabei selbst etwas zu verlieren.
„Mit allen Kräften“ ereignet sich Liebe und mit allen Kräften wird sie auch stark. Wenn Menschen ihre Intelligenz nur zur Verteidigung ihrer geistigen und materiellen Besitztümer verwenden oder um sich selbst durchzusetzen, so ist das ein Denken, dem es an Liebe fehlt. Die öffentlichen Debatten, wie sie sich heute oft darstellen, kranken oft an diesem Mangel an Liebe. Man kann auch lügen, ohne etwas Falsches gesagt zu haben – wenn es ein Reden ohne Liebe ist.
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