BRIEF_KASTEN
Die prächtige Gladiole. Die dankbare Dahlie. Schön würde man sie nicht nennen, diese braunen Knollen, die man nun in kühle Keller geräumt hat. Erst wenn die Frostzeit zu Ende geht, wird man sie erneut in die Erde legen können. Man darf sich ziemlich sicher sein: Austreiben werden sie und neu ins Blühen kommen. Viele ersparen sich die Mühe des Überwinterns. Man könne ja einfach „neue“, frische Knollen kaufen, wenn es so weit ist. Wir Menschen haben uns wohl sehr daran gewöhnt, dass ständig alles fertig zu haben ist. Am Schönen erfreut man sich gerne. Die unattraktiven, geduldfordernden Zeiten der Mühe ersparen wir lieber. Und so kommt ein Stück Lebens-Gespür abhanden – das Empfinden dafür nämlich, dass Lebendiges nicht einfach produziert wird, sondern dass es wachsen muss. Wie bei Dahlie und Gladiole gehören die unansehnlichen und mühevollen Phasen zum Leben. Der „perfekte“ fertige Zustand ist bei Vielem nur kurz. Auch Menschen haben sie: Knollenphasen und Blütezeiten. Hilfs- und pflegebedürftig manchmal, dann wieder selbst hilfsbereit und so, dass man ihnen gerne begegnet. Die Knollen im Keller erinnern uns: Auch Menschen gegenüber darf man ruhig ein bisschen geduldiger sein, auch wenn sie nicht gerade „liefern“ und nützlich sind. Ich mag dich, auch wenn du gerade eine Knolle bist.
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