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„Schon von unseren Vorfahren ist die Brennnessel vielschichtig eingesetzt worden, als Heilpflanze, Faser, Nahrungsmittel und auch als Ritualpflanze“, erklärt Karoline Hochmair. Sie ist Kräuterpädagogin und Referentin im Bildungszentrum Stift Schlierbach (OÖ), wo sie jedes Jahr ein Seminar über die Brennnessel abhält. Auch wenn die Pflanze in früheren Zeiten sehr geschätzt wurde, erlebe sie heute viel Verachtung und wird oft als Unkraut betrachtet. „Sie hat nun mal nicht den lieblichen Aspekt wie etwa eine Rose“, sagt Hochmair. „Sie ist eine raue, robuste Pflanze.“
Die Brennnessel lebt oft in der Nähe der Menschen und ist eine sogenannte „Ruderalpflanze“. Das heißt, sie wächst dort, wo Erde bewegt oder verändert wird oder „gestört“ ist. Sie ist sehr anpassungsfähig und eine Überlebenskünstlerin. „Sie gehört zu den Nesselgewächsen, von denen es tausende Arten gibt. Bei uns wachsen die Große und die Kleine Brennnessel. Die Große kann über zwei Meter hoch werden, die Kleine um die 40 Zentimeter“, erklärt Hochmair. Die Brennnessel ist eine wichtige Pflanze für etwa 40 Arten von Schmetterlingen, deshalb sei es sinnvoll, ihr einen Platz im Garten zu lassen.
Die Faser der Brennnessel besaß früher einen großen Stellenwert und wurde beispielsweise für Fischernetze, Zelte, Taue oder zum Spinnen verwendet. Nesselstoff galt als „Leinen der armen Leute“, erzählt Hochmair. Gebraucht wurde sie auch als Düngepflanze in Form von Brennnesseljauche. Von ihrer Mutter weiß Hochmair, dass diese die Brennnessel fein zerhackt als Zusatz für Tierfutter verwendet hatte, etwa für Hühner oder Pferde. Nicht zuletzt ist die Brennnessel ein Stickstoffanzeiger und weist auf einen guten Boden hin.
Sammeln solle man die Brennnessel am besten an Stellen, wo nicht gespritzt wird und keine Hunde vorbeikommen. Hier gelte dasselbe wie bei anderen Wildkräutern. Mit einem Korb und Handschuhen ist man dafür gut ausgerüstet. Die beste Möglichkeit ist laut Hochmair, beim Abpflücken von oben nach unten zu streifen. Für eine Suppe würden etwa zwei bis drei Häufchen reichen, wobei beachtet werden sollte, dass die Blätter beim Kochen etwas zusammenfallen. Grundsätzlich kann man von der Pflanze alles verwenden, sagt die Expertin, je nach Jahreszeit sei ein anderer Teil gerade der wertvollste, da sich je nach Zeitpunkt die meisten Inhaltsstoffe im Pflanzenteil befinden: zunächst im Keimling, dann in den Blättern, später in der Blüte. „Aktuell ist ein idealer Zeitpunkt, um sich einen Teevorrat für den Winter anzulegen“, gibt Hochmair einen Tipp.
Gesundheitlich betrachtet habe die Brennnessel sehr viele Vorteile: Sie sei ein wertvoller Eisenlieferant, wirke positiv aufs Blut, enthalte viele Spurenelemente und wichtige Mineralstoffe. „Brennnesseltee ist ein super Mittel für die Frühjahrs- oder Fastenkur“, sagt Hochmair. Er werde durch das Eisen sehr schwarz und schmecke zwar „nicht sehr lieblich“, sei dafür harntreibend und blutreinigend. Überhaupt besitze die Brennnessel ein großes Spektrum an Heilwirksamkeit: gegen Harnwegs- und Hauterkrankungen, Rheuma Gicht, Durchblutungsstörungen, Blässe oder Antriebslosigkeit. Acht geben sollten laut Hochmair Menschen mit einer Histaminunverträglichkeit, da die Brennnessel bzw. deren Nesselgift Spuren von Histaminen enthalten könne.
Auch in der Küche ist die Brennnessel vielseitig verwendbar, sagt Hochmair: „Man kann aus ihr Brennnesselsuppe zubereiten, Laibchen oder Knödel oder sie auch mit Spinat mischen und verwenden. Mit Obst zusammen gemixt passt sie auch in den Smoothie.“ Wird die Brennnessel jetzt im Frühling gesammelt, kann man sie trocknen und zum Beispiel zu einem Kräutersalz weiterverarbeiten.
Für die Zubereitung als Gericht empfiehlt Hochmair, die Blätter heiß zu waschen, dann zu schneiden und zum Beispiel mit Zwiebeln anzudünsten. „Auch die Samen der Brennnessel sind hochwertvoll. Diese kann man ab dem Spätsommer sammeln, am besten wenn sie grün-braun gefärbt sind. Man legt die Samenfäden auf ein Papier, lässt sie trocken und reibt sie dann durch ein Sieb. So bleiben die Samen übrig“, sagt Hochmair. „Diese Nüsschen galten als altes Potenzmittel; es ist überliefert, dass es Mönchen und Nonnen verboten war, diese einzunehmen“, schmunzelt Hochmair. Die Samen enthalten essenzielle Fettsäuren und fettlösliche Vitamine, diese seien gut für das Immunsystem. Man kann sie auf einen Salat oder ein Butterbrot streuen oder ein Kräutersalz daraus herstellen.
Im Garten kann die Brennnessel in Form einer Jauche zum Pflanzenschutz oder als Dünger zum Einsatz kommen. Zusammen mit Wasser lässt man diese in einem Eimer einige Wochen gären, verdünnt die Mischung und kann sie zum Beispiel in eine Sprühflasche füllen.
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