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Maria als Schutzmantel

KIRCHE_OÖ

Der „Hymnos Akathistos“ gilt als das sprachlich schönste und theologisch tiefste Marienlob der Ostkirche. Vor 1.400 Jahren  wurde es in Konstantinopel erstmals öffentlich gesungen. Zum Ende des Marienmonats Mai sei auf dieses Jubiläum hingewiesen. 

Ausgabe: 22/2026
26.05.2026
- Josef Wallner
© KIZ/Josef Wallner

In der Nacht des 7. August 626 strömten die Bewohner:innen  Konstantinopels in Scharen in die Blachernen-Kirche, um für die Rettung der Stadt zu danken. Denn während der Kaiser mit seinem Heer in einem entfernten Teil des Reiches kämpfte, nutzten Awaren und Perser die Gunst der Stunde, um die Hauptstadt des oströmischen Reichs zu erobern. Die in der Stadt verbliebenen Soldaten waren den Angreifern zahlenmäßig heillos unterlegen. 

 

In auswegloser Lage


Das Volk flehte in seiner Not auch um Fürsprache und Hilfe Mariens, „der allheiligen Gottesgebärerin“, der die Stadt seit ihrer Gründung durch Kaiser Konstantin geweiht war, wie der ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomaios in seinem aktuellen Hirtenbrief zum Jubiläum des „Hymnos Akathistos“ schreibt. Die Gottesmutter stärkte nicht nur den Mut der wenigen Verteidiger, sondern wirkte auch ein großes Wunder: Durch aufkommende Stürme wurde die Flotte der Belagerer vollständig zerstört, woraufhin diese Hals über Kopf flohen und so die Stadt gerettet war. Die Menschen schrieben den „Sieg“ der Fürbitte Mariens zu und kamen daher in jener Kirche zusammen, wo die Gottesmutter mit einem wöchentlichen Nachtgebet besonders verehrt wurde. Dort sangen ihr die überglücklichen Bewohner:innen einen Lobgesang: den „Hymnos Akathistos“. 
Dieser litaneiartige Gesang meditiert ausgehend von der biblischen Erzählung des Besuchs des Engels Gabriel bei Maria in Preisungen und Anrufungen die Menschwerdung Gottes und ihre Bedeutung für die ganze Welt. Durch das Ja- Wort Mariens konnte die Erlösung ihren Anfang nehmen.  

 

Marienlob aus der Bibel


Der Gruß des Erzengels Gabriel an Maria, der eigentlich „Freue dich“ und nicht nur „Gegrüßet seist du“ heißt, wird im „Hymnos Akathistos“ 144-mal wiederholt. Diese Zahl ist für den Patriarchen ein symbolischer Verweis auf die 144.000 Geretteten, von denen die Offenbarung des Johannes spricht. Diese singen mit Harfenbegleitung das „neue Lied“ vor dem Thron Gottes und folgen Jesus Christus, dem Lamm Gottes. 

 

Das Zentrum des Glaubens


Der Hirtenbrief macht damit auf das Zentrum des Glaubens aufmerksam, ohne aber die Verehrung der Gottesmutter auch nur im Geringsten zu schmälern. „Doch bleibt der ‚Akathistos-Hymnus‘ immer ein angemessenes Gebet der Kirche zu Gott – eine Stimme des frommen Herzens der Christen. Er ist gleichzeitig Lobpreis, Dank, Bitte und Flehen zu dem, ‚der für uns Menschen und um unseres Heiles willen von den Himmeln herniedergestiegen ist und Fleisch angenommen hat aus dem Heiligen Geiste und Maria der Jungfrau und Mensch geworden ist‘, und zugleich zur Mutter, die vor Gott mütterliche Freimütigkeit besitzt und stets reichlich ihre mächtige Hilfe und ihren Schutz dem gläubigen Volk der Orthodoxen gewährt.“ 
Dass diese marianischen Preisrufe einst beim Dankgottesdienst für die Rettung Konstantinopels vor 1.400 Jahren im Stehen gesungen wurden, deutet auf das Besondere dieser Liturgie hin und hat dem Hymnos auch den Namen gegeben: Er wird „Akathistos“, das heißt „Nicht im Sitzen“ gesungen. 
Viele Anrufungen des „Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria“, wie seine vollständige Bezeichnung lautet, klingen für westliche Christen heute nicht recht verständlich und würden auf jeden Fall längere Erklärungen brauchen. Für viele Gläubige geht von den litaneiartigen Gebeten dennoch eine tiefe Faszination aus. 

 

Maria und der Friede


Man lässt sich vom Gesang tragen und verweilt dort, wo man sich angesprochen fühlt. Und solche ansprechenden, zur Meditation einladenden Anrufungen Mariens gibt es im „Hymnos Akathistos“ nicht wenige. Zum Beispiel: Sei gegrüßt, du Vertrauen derer, die im Schweigen bitten; sei gegrüßt, die der Gläubigen Glauben vertieft, die Gewalt verwirft und Unmenschlichkeit. Oder: Du Schutzmantel um aller Welt Drangsal und du Sieg der Gewaltlosigkeit. Auf den Aspekt der Gewaltlosigkeit legt der Patriarch in seinem Schreiben besonderen Wert. Denn ursprünglich wird Maria in der verständlichen Freude über die Rettung der Stadt als „unbesiegbare Heerführerin“ besungen. „Der Akathistos-Hymnus ruft jeden Gläubigen dazu auf, wachsam zu sein und standhaft zu bleiben – in Demut und Gebet – angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit, in diesen schweren Tagen voller Erschütterungen und kriegerischer Konflikte, die die Menschheit durchlebt“, betont Patriarch Bartholomaios und ruft zum inständigen Gebet zur  Mutter des „Friedens Gottes“ auf, damit dem Menschengeschlecht der wahre und allen Verstand übersteigende Frieden ihres Sohnes geschenkt werde. 
 

 

 

Friede ist nicht selbstverständlich

 

Knapp 70 Pilger:innen, die jüngste neun und die älteste 85 Jahre alt, nahmen kürzlich an der traditionellen Rieder und Tumeltshamer Wallfahrt nach Maria Schmolln teil. Nach dem Gottesdienst wurde beim Kriegerdenkmal der Opfer der Weltkriege gedacht und auf diese Weise ein Zeichen für den Frieden gesetzt.

 

 

 

 

Zum Foto

Maria mit dem Jesuskind in der Chora-Kirche von Istanbul – der Stadt, in der der „Hymnos Akathistos“ das erste Mal öffentlich gesungen wurde.  

 

Gegen Ende der 1960er-Jahre hat der „Hymnos Akathistos“ – in Übersetzungen und vor allem in ausgewählten Teilen – Eingang in das kirchliche Gebetsleben des deutschsprachigen Raums gefunden. Eine Marienfeier mit dem „Hymnos Akathistos“ ist auf der Website des Andreas-Petrus-Werks zu finden: www.andreas-petrus-werk.at

 

Eine der unzähligen Vertonungen, auf die man im Internet stößt, ist jene der Schola der Mönche des Stiftes Göttweig.

Die große Pilgerschar.
Die große Pilgerschar.
© Privat
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