Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Nach und nach ging es mit der Familie von A. abwärts. A. ist eine junge Frau, die mit ihren Eltern und Geschwistern in der syrischen Stadt Latakia lebt. Die Hafenstadt galt während des mehr als zehn Jahre dauernden Bürgerkriegs als relativ sicher und hat viele Flüchtlinge angezogen. Von den rund
1,3 Millionen Bewohnern Latakias sind rund 450.000 sogenannte „Inlandsvertriebene“. Die achtköpfige Familie von A. hat immer unter äußerst schwierigen Verhältnissen gelebt. Da der Vater gelähmt und nicht mehr arbeitsfähig ist, ruhte die ganze Last auf den Schultern der Mutter, die mit Putzen Kinder und Mann mehr schlecht als recht über Wasser hielt – bis es nicht mehr ging. Im Zuge von gewalttätigen Unruhen wurde ihr Haus attackiert und der Bruder verletzt. Das ließ die prekäre finanzielle und emotionale Lage der Familie völlig zerbrechen. Ihr Studium hatte A. ohnedies schon aufgegeben, aber nicht ihre Hoffnung. Sie lässt sich vom Elend nicht ihre Zukunft bestimmen, sagte sie sich mit bewundernswertem Mut.
A. fand Kontakt zu der NGO (Nichtregierungsorganisation) „Agissons Ensemble“, was so viel heißt wie „Lasst uns zusammen handeln“. Ein in der Schweiz lebender Syrer hat das Hilfswerk in seiner alten Heimat gegründet und vor Jahren bereits begonnen, in Latakia Flüchtlingsmädchen zumindest eine rudimentäre Schulbildung zu ermöglichen. Als weiteren Schritt hat „Agissons Ensemble“ vor einem Jahr angefangen, jungen Frauen zu helfen, beruflich Fuß zu fassen. Das Hilfswerk hat Ausbildungskurse entwickelt, die zu profunden Fähigkeiten in dem entsprechenden Berufsfeld führen. Es sind dies bislang Näh-, Friseur- und Beauty-Kurse (Maniküre, Schminken). Gerade der Schönheitsbereich mag aus europäischer Sicht kurios klingen und man könnte meinen, dass es Wichtigeres gebe, aber das Angebot ist in Latakia, wie im ganzen arabischen Raum gefragt. Das kann A. bezeugen. Mit dem bestandenen Kurs bekam A. von „Agissons Ensemble“ eine Grundausstattung, damit sie umgehend ihre Maniküre-Dienste anbieten konnte. Es war ein „richtiger Anfang“, ein Neubeginn, der ihr geschenkt wurde, betont sie.
Schritt für Schritt, aber schneller als je zu hoffen war, trägt sie inzwischen zum Familieneinkommen bei. Natürlich geht es ums Geld, aber ebenso um die Wiederherstellung der Hoffnung in ganz unsicheren Zeiten. „A. schaut mit gekräftigtem Selbstvertrauen in die Zukunft“, sagen ihre Betreuer vom Hilfswerk, das selbstverständlich für seine Unterstützung keine konfessionellen Grenzen kennt. A. ist Christin, S. ist Muslima, eine Sunnitin, die ebenfalls an einem Ausbildungskurs teilnehmen konnte. Nach dem Tod ihrer Eltern kam sie mit ihrer jüngeren Schwester in die sehr große und sehr strenge Familie ihres Onkels.
S. durfte das Haus nicht verlassen und Handy hatte sie auch keines. Viel Überredungskunst war nötig, damit sie der Onkel an einem Trainingskurs teilnehmen ließ. Dort war sie völlig verschüchtert, zurückgezogen und sprach kaum mit jemandem. Nun hat sie erfolgreich die Ausbildung zur Näherin absolviert und was genauso wichtig ist: Sie hat sich als Person gewandelt, konnte ihre Isolation durchbrechen, hat Freundinnen gefunden und Selbstvertrauen fassen. Vor ihr liegt noch ein weiter Weg, aber erste Schritte sind getan und sie kann bereits Geld verdienen. Sie selbst beschreibt die Ausbildung als „den Beginn einer echten Änderung in ihrem Leben“. Dem kann Sh. nur zustimmen. Da nach der Scheidung der Eltern in deren neuen Familien kein Platz für sie war, kam sie zur Großmutter, die sich seither gut um sie kümmert.
Aber Sh. litt derart unter der Situation, dass sie nicht einmal die Schule abgeschlossen hat. Die Großmutter machte sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Enkelin, die sich völlig isoliert hatte. Schließlich ergriff sie im Wissen, dass sie nicht lebenslang für Sh. sorgen konnte, die Initiative und schrieb ihr Enkelkind in einen Nähkurs bei „Agissons Ensemble“ ein. Auch Sh., sie gehört der Volksgruppe der Alawiten an, hat die Ausbildung von Grund auf verändert. „Mit jedem Stück Stoff, das sie in ein Kleidungsstück verwandelte, baute sich ihr Selbstbewusstsein auf und entdeckte sie mehr und mehr ihren Selbstwert und ihre Fähigkeiten“, freuen sich ihre Betreuer von „Agissons Ensemble“. Inzwischen hat sie auch schon Aufträge und ein kleines, aber eigenes Einkommen.
Die drei Lebensgeschichten der jungen Frauen zeigen, was möglich ist, wenn man professionelle Hilfe gewähren kann, wie „Agissons Ensemble“ das tut. Das aber kostet – in Syrien nicht weniger als in Europa. Die ICO-Initiative Christlicher Orient als langjähriger Partner von „Agissons Ensemble“ finanziert zu einem großen Teil das Berufsausbildungsprojekt. Das ist nur Dank der Spender:innen, von denen viele Oberösterreicher:innen sind, möglich. Sie tragen dazu bei, dass Leidensgeschichten zu Hoffnungsgeschichten werden. Wenn es auch nur kleine Lichtblicke angesichts der Größe der Not sind, machen sie doch die Botschaft der Auferstehung Jesu ein wenig sichtbar.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
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