BRIEF_KASTEN
Das Jahr hat beinahe seine zeitliche Mitte erreicht und – je älter, desto mehr – erinnert diese nüchterne Tatsache an die eigene Lebensmitte. Zeitlich gesehen kann ein etwa 45-jähriger Mensch von sich annehmen: Meine Lebensmitte habe ich wohl überschritten.
Es sind die, wie man sagt, besten Jahre, in denen für die meisten Menschen diese Überschreitung stattfindet – auf dem Höhepunkt des menschlichen Leistungsvermögens, an dem man die bisherigen Lebenserfahrungen und Fähigkeiten so recht ins Spiel bringen konnte. Wenn man in diesem Sinne von der Lebensmitte spricht, so liegen die „leichten“ Jahre wohl hinter einem.
Es gibt jedoch eine Lebensmitte, die sich nicht mit der Zahl der Jahre misst – und die man nicht einfach überschreitet. Sie hat eher mit dem Lebens-sinn und mit dem Wohin des Lebens zu tun. In diesem „Lebensspiegel“ zeugen die Runzeln des Alterns nicht vom Vergehen des Lebens, sondern von einer Annäherung. Ich bin schon weit. Es geht auf eine andere Mitte zu. Sie ist vergleichbar mit der Sonne, um die ihre Planeten kreisen. Weder wird diese Mitte überschritten, noch liegt sie in weiter Ferne. Sie ist einfach da. Bis in die späten Jahre.
Man sagt, mit dem Tag der Geburt hätte ein Mensch das Licht der Welt erblickt. Doch hat er nur begonnen damit. Tag für Tag und Jahr um Jahr werden die in die Welt Geborenen, sofern sie mit offenen Sinnen und Herzen leben, dieses Lebenslicht mehr und mehr erblicken – bis in die alten Tage und bis sie sich öffnet: die Mitte des Lebens.
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