BRIEF_KASTEN
Wenn ich alleine wandern gehe, bleibt kein Auge trocken, zumindest meines nicht. Entweder ich vergieße eine Träne der Rührung, weil die Gegend so schön ist, oder eine Träne der Wut, weil ich wieder einmal an einem Feldweg falsch abgebogen bin.
Am vergangenen Samstag wagte ich mich erneut in die Landschaft. Ich erschreckte unabsichtlich ein Reh, wurde kurz von einem lustigen, weißen Hund begleitet und stand an einem Ort, wo ein Mann sein Leben wegen einer Fliegerbombe lassen musste. Mitten im Wald rief mich ein Freund auf dem Mobiltelefon an. Ich scherzte, dass ich mich verirrt hätte und am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde, dass ich durch eine Suchaktion gerettet worden sei. Er meinte, leider würde mich niemand suchen, weil der Vizekanzler zurückgetreten sei und alle vor dem Fernseher säßen. – Mein Wandertag endete auch vor dem Fernseher. Vizekanzler und Kanzler sind falsch abgebogen und haben sich verirrt. Das habe ich zumindest aus ihren Reden herausgehört. Der Kanzler will nun den richtigen Weg finden. Mit dem Verirren kenne ich mich aus, deshalb erlaube ich mir einen Hinweis: Der Weg sollte in Richtung Horizont führen und für alle Menschen im Land gut begehbar sein.
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