BRIEF_KASTEN
Der Mann saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und knüpfte an einem Teppich, Knoten für Knoten. Auf dem schon fertigen Teil sah man das prächtige Muster, das zuvor nur in seinem Kopf existiert hatte. Wenn – nach Monaten – der Teppich fertig sein würde, würde er ihn zusammenrollen und hinüber an die Straße tragen, um auf einen Käufer zu warten. So hatte er es schon immer gemacht.
Er sagt, er wisse nicht, wie alt er sei. Neunzig vielleicht. Drinnen im Haus wartet seine Frau auf uns. Im Gespräch zeigt sich, dass sie es nicht leicht hatten im Leben und dass die Sorgen bis heute da sind – vor allem um die Töchter, die von ihren Männern verlassen wurden, und deren Kinder, die nun auch zu ernähren sind.
Ist es Arbeit? Ist es Freizeit, die der alte Mann an seinem Baum verbringt? Um den Unterschied weiß er wohl kaum. Er knüpft den Faden des Lebens weiter, Stunde um Stunde und Tag für Tag. Die Unterscheidung, die sich in der Welt so sehr verbreitet hat – zwischen Arbeit und Freizeit, privat oder dienstlich –, kennt er nicht. Als ob man nur in der einen der Zeiten tun müsste, was erwartet wird, in der anderen, was man selber will. Er weiß, dass man sich mit seinem ganzen Leben ins Spiel bringen muss.
Diese Not! Und gleichzeitig dieser Friede, der von diesen Menschen ausstrahlt! Sie winkten uns nach. Ob sie noch am Leben sind? Ich vermute, auch da machen sie nicht den großen Unterschied.
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