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Die Kunst, ein wenig verrückt zu sein

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Roland Girtler ging Zeit seines Lebens seine eigenen Wege. 
Dafür erhielt er Bewunderung und Ablehnung. Selbst bezeichnet er sich unter anderem als „Scholar in Gottes Weltuniversität“.

Ausgabe: 29/2026
14.07.2026
- Monika Slouk
Roland Girtler hat im Kaffeehaus ein zweites Wohnzimmer gefunden.
Roland Girtler hat im Kaffeehaus ein zweites Wohnzimmer gefunden.
© Slouk

„Grüß Sie, Herr Professor!“ Der Kellner trägt trotz der Hitze ein schwarzes Sakko. Auf seinem Namensschild steht „Herr Rudolf“. „Was darfʼs denn sein?“, fragt er den Stammgast Roland Girtler. Der kommt gerne hierher. „Ich liebe das Kaffeehaus. Da ist immer ein Wirbel, und  man kann mit den Leuten reden.“ Mit den Leuten reden – das machte Roland Girtler auch zu seinem Beruf.


Aber eines nach dem anderen. Zuerst blicken wir zurück in die Kindheit des Soziologieprofessors, nach Spital am Pyhrn. „Meine Mutter war die erste Landärztin in der ganzen Region.“ Auch der Vater war Landarzt, aber das war weniger außergewöhnlich. In Erinnerung an die beiden ließ Roland Girtler auf einem Wanderweg bei Spital ein Marterl errichten. Ein Hinterglasbild zeigt die Eltern in einem Schlitten, als Erinnerung an eine Zeit, als Ärzte autofrei unterwegs waren.

 

Rebell der Klosterschule 


„Ich verbinde Wiener Schmäh mit oberösterreichischem Rebellentum“, beschreibt der Soziologe seine Herkunft. Sein Rebellentum wurde an einem Ort besonders gestärkt, ist Roland Girtler heute überzeugt, und zwar im Internat und Stiftsgymnasium Kremsmünster. „Ich war ein sehr guter Schüler, aber mit schlechten Noten“, blickt er auf die Schulzeit zurück. 


Eine Erfahrung habe ihn besonders geprägt: „Ich habe mit einem Burschen gerauft, der ein Jahr älter war als ich. Er hat mich besiegt, ich lag am Boden. In der Situation habe ich gesagt ‚Ich gebe auf‘, und er hat mir aufgeholfen. Seither bin ich der Meinung, dass man bereit sein soll, aufzugeben. Auch im Krieg. Nicht schießen! Aufgeben. Das Waffenkaufen und Waffenliefern fürchte ich. Man muss Frieden herstellen, nicht Krieg.“


Die strenge Welt der Klosterschule habe sicher den Rebell in ihm gestärkt. Tanzen zu gehen, war etwa verboten. „Eines Abends im Februar bin ich mit einem Mitschüler aus dem Internat ausgebrochen. Wir sind über ein Schmiedeeisengitter geklettert und dann der Klostermauer entlang geschlichen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich an diesem Abend an einem Ball teilgenommen. Da hat mich ein neugieriges Mädel zum Tanz aufgefordert. Zwischen uns hat sich nicht mehr entwickelt, aber ich bin bis heute mit ihr in Kontakt.“ Viele der Erinnerungen hat Roland Girtler in seinem Buch „Die alte Klosterschule“ festgehalten.

 

Frau des Lebens


Seine Frau hat er dann als Student beim Schifahren kennengelernt. In einer Schihütte auf der Hutterer Höss bei Hinterstoder sei man sich näher gekommen. Noch während des Studiums heirateten sie und sind nun seit mehr als 60 Jahren ein Paar. „Das geht nur, wenn man sich gegenseitig in Ruhe lässt“, formuliert Roland Girtler sein Beziehungs-Credo. Beide Partner brauchen ein eigenständiges Leben, dann könne man gut zusammenleben.

 

Glück des Lebens


Während des Jus-Studiums habe er das Glück seines Lebens gehabt, sagt Roland Girtler. Was dann kommt, ist eine unerwartete Geschichte. „Mein Vater hatte mir einen Motorroller geschenkt, mit dem er in Spital am Pyhrn auf Krankenbesuche gefahren war. Mit dem war ich in Wien unterwegs, als ich zu einer Kreuzung kam. Alles, woran ich mich erinnere, sind zwei Lichter, die auf mich zukamen.“ Er erwachte im Krankenhaus mit mehreren offenen Knochenbrüchen. „Dort lag ich vier Monate lang in einem Saal mit 24 Leuten. Menschen aus allen Schichten kamen da zusammen. Neben mir lag ein Zuhälter mit einem Herzstich nach einer Rauferei am Gürtel.“ Durch ihn erhielt der Student und spätere Soziologe Kontakte ins Rotlichtmilieu. Für seine Feldstudien in der Welt der Prostituierten wurde er bekannt. „Ich blieb aber auf Distanz. Damit bin ich gut gefahren. Manchmal hat mich meine Frau zu Gesprächen mit Prostituierten begleitet.“ Girtler verband Methoden der Ethnologie mit der Soziologie. Das war neu. 


Kaffeehauskontakte


Plötzlich kommt ein anderer Gast an den Kaffeehaustisch und begrüßt Professor Girtler. Es ist der ehemalige EU-Parlamentarier Othmar Karas. Man plaudert ein wenig. Zum Abschied zieht Girtler eine selbstgebastelte Postkarte aus seinem Rucksack. „Die Wiener Gaunersprache“ steht darauf und ein Mini-Wörterbuch. Er übergibt sie mit den Worten: „Vielleicht brauchst du das einmal!“„Damit ich die Politik besser verstehe?“, scherzt Karas, bevor er an seinen Tisch zurückgeht.

 

Verrückter Professor

 

Noch etwas anderes holt Roland Girtler aus seinem Wanderrucksack. Die Festschrift seiner Enkelkinder zu seinem 85. Geburtstag am 31. Mai. „Schauen Sie einmal, was hier steht“, schmunzelt er stolz. Es ist die Erinnerung einer Enkelin an ihre Volksschulzeit. Nach der Schule traf sie ihn auf der Straße und stellte ihn ihrer Schulfreundin vor mit den Worten: „Das ist mein Großvater und ein verrückter Professor!“ Roland Girtler scheint es nicht zu stören, sondern zu freuen.
 

 

Roland Girtler

 

Der unkonventionelle Soziologieprofessor Roland Girtler ist am liebsten mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Menschen begegnet er unmittelbar und direkt.

 

Obwohl Roland Girtler 1941 in Wien geboren wurde, ist er vorwiegend in Spital am Pyhrn aufgewachsen. Seine Mutter war dort Ärztin, sein Vater Arzt. Die Gymnasialzeit verbrachte er im Internat des Stiftsgymnasiums Kremsmünster. Dann zog es ihn zum Studium nach Wien. Einige Jahre studierte er Jus und setzte später mit Studien der Völkerkunde, Urgeschichte, Philosophie und Soziologie fort.

 

Farbstudent und Urgroßvater


Bereits während des Studiums heiratete er und wurde Vater, arbeitete als Bierlieferant, Naschmarktarbeiter oder Filmkomparse. Seit dieser Zeit ist er auch Corpsbruder, also Mitglied in einer traditionsreichen, schlagenden, liberalen Studentenverbindung. 1979 wurde Roland Girtler Professor für Soziologie. Er ist ein Meister der Feldforschung, verfasste Dutzende Bücher über ebenso viele Milieus, wie Schmuggler, Prostituierte und Pfarrersköchinnen, über die Klosterschule, Wilderer und Kellner. Bis heute ist er zu Fuß und am Fahrrad unterwegs, spricht mit den Menschen am Weg, notiert und analysiert seine Beobachtungen. Viele Jahre publizierte er die Kolumne „Streifzüge“ in der Kronen Zeitung. Für seine Forschungsarbeit erhielt er viele Auszeichnungen, darunter das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. Am 31. Mai feierte er den 85. Geburtstag. Er ist seit mehr als 60 Jahren mit der Schuldirektorin i. R. Birgitt Girtler verheiratet, hat 2 Kinder, 8 Enkel- und 7 Urenkelkinder.

 

Über Bordelle und den Jakobsweg


Eine Vielzahl von Büchern zeugt von der umtriebigen Forschungstätigkeit Roland Girtlers. Als einer der ersten Soziologen analysierte er die Tabuzone des Rotlichtmilieus in „Der Strich. Soziologie eines Milieus. Wien 1994“. Seine Schulzeit reflektierte er in „Die alte Klosterschule. Eine Welt der Strenge und der kleinen Rebellen. Wien/Köln/Weimar 2000“. Kritisch untersuchte er die Geschichte eines allseits beliebten Pilgerwegs in „Irrweg Jakobsweg. Die Narbe in den Seelen von Muslimen, Juden und Ketzern. Graz 2005“. Auch seine eigene Zunft ließ er nicht aus in „Die wechselseitige Niedertracht der Wissenschaftler. Wien 2020“ oder in „Farbenstudenten zwischen Weltbürgertum und Antisemitismus. Berlin 2016“. Eine Art methodisches Vermächtnis bilden die „10 Gebote der Feldforschung. Wien 2004“.

 

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