BRIEF_KASTEN
Ich sehe ein Bild und weiß nicht, was es ist: ein Sonnenaufgang – oder ein Untergang? Da müsste man die Zeit wissen, zu der das Bild aufgenommen wurde, oder die Gegend kennen – ob es nach Westen hin geht oder nach Osten. Oder man müsste länger beobachten, um dem Lauf der Sonne folgen zu können. Als Momentaufnahme bleibt das Bild zweideutig und missverständlich.
Es wird Menschen geben, die in diesem Bild im ersten Moment den Sonnenaufgang zu erkennen glauben. Vielleicht sind es besonders optimistische Menschen, die alles gerne am Anfang sehen, mit ganz viel Zukunft, die sich noch gar nicht ausmalen lässt. Das Feld des Lebens sehen sie vor sich ausgebreitet.
Andere werden überzeugt sein, ein Sonnenuntergangsbild vor sich zu sehen – vielleicht, weil sie zu Melancholie und Traurigkeit neigen, oder weil sie „genug von allem“ haben, wie man sagt. Sie nehmen Welt und Leben wie in einer Abenddämmerung wahr.
„Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“, lesen Christinnen und Christen in der ihnen Heiligen Schrift (Mt. 25,13). Die Frage nach Anfang und Ende entzieht sich menschlichem Können und menschlicher Macht. Vielleicht ist es wie beim Bild mit der Sonne, das den Tagesanfang und sein Ende zum Verwechseln ähnlich erscheinen lässt.
Das eröffnet der Zuversicht weit die Tür: Vielleicht ereignet sich inmitten all der Befürchtungen um die Welt auch schon ein Aufbruch ins Neue, das kommen will. Die Momentaufnahmen lassen es offen. Man darf es glauben und hoffen.
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