BRIEF_KASTEN
Jemand geht mit Krücken. Seine Sehnsucht wird dahin gehen, sie möglichst bald wieder loszuwerden. Jemand trägt eine Prothese – und mag er noch so zufrieden damit sein, lieber wäre er wohl nicht auf sie angewiesen. Hilfsmittel sind es. Wie gut, dass es sie gibt und dass Menschen sie ständig weiterentwickeln – und dass es Kassen gibt, die sie erschwinglich machen.
In geistigen Belangen ist es erstaunlicherweise fast umgekehrt: Da gehen Menschen fast schon lieber mit Krücken, als dass sie ihrem eigenen Verstand trauen. Wozu das eigene Merkvermögen strapazieren, wenn Google es besser kann? Wozu Geografie studieren, wenn das Navi perfekt um die Routen weiß? Eine Kreuzworträtsel-Frage – und schon ist der Finger am Tippen. Wozu Geschichte lernen, wenn alle Daten sofort verfügbar sind?
Der Mensch scheint seiner eigenen Intelligenz immer weniger zu trauen und verlässt sich lieber auf Formeln – Algorithmen nennen sie die in solchen Themen Bewanderten –, mit denen die geistigen Krücken so perfektioniert werden, dass deren Entwickler selbst schon Angst bekommen. Was bedeutet da menschliche Erfahrung, was Wissen? Und was richtet ein Unbehagen aus, wenn es ständig in den Schatten der digitalen Besserwisserei gestellt wird?
Sonst sind ja Besserwisser nicht so gern gesehen. Man lässt sich nicht bloß helfen. Die Krücken übernehmen die Führung. Der Mensch trottet mit – oder hinterher. Es ist wie bei Leuten, die – damals – mit ihrem Taschenrechner das Kopfrechnen verlernt haben und nicht mehr spüren, was
billig und teuer ist.
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